Wie viel ein Buch mit der
Revolution zu tun haben kann...
Zum
160 Jahrestag des Manifests der kommunistischen Partei.
Vor
160 Jahren, 1848, schrieben zwei Menschen als ersten Satz des von ihnen
verfassten Buches, dass ein Gespenst umgehe, das Gespenst des Kommunismus.
Friedrich Engels und Karl Marx waren es, die diesen Satz schrieben. Sie
schrieben ihn nicht in irgendein wichtiges Buch, sie schrieben ihn in eines der
am weitesten verbreiteten Bücher der Welt, in das „Manifest der
kommunistischen Partei“.
Der
Satz über das Gespenst hat heute wohl mehr Aktualität denn in den vergangenen
20, 30 Jahren. Denn der Geburtsstunde des Manifests gab es immer wieder große
Erhebungen und Bewegungen welche unter anderem in diesem Buch ihre grundsätzlichen
Ziele formuliert sahen. Selten jedoch war parallel zur Geschichte dieses Buches
„die Bewegung“, also die Klassenkämpfe des organisierten Proletariats, so
wenig weit entwickelt wie heute. Heute ist der Kommunismus in Europa mehr denn
je zum „Gespenst“ als viel mehr zum Kern diverser Kämpfe und Aufstände
geworden. Das Fürchten lehrt dieses Gespenst den Herrschenden aber heute noch
immer. Es lehrt es sie in der aktuellen Periode der Geschichte nicht in gleichem
Maße wie beispielsweise 1917 als die Bolschewiken die Imperialisten aus
Russland vertrieben und die Macht der ArbeiterInnenklasse errichteten, doch
lehrt es sie das Fürchten davor, dass die Organisationen welche sich nicht nur
positiv auf das Manifest beziehen sondern auch nach dies3em Handeln, wieder zu
einflussreichen Kräften werden, die einen Weg zur Überwindung des Kapitalismus
weisen können: den Weg der proletarischen Revolution, den Weg der Zerschlagung
des Kapitalismus und der Errichtung der Macht der ArbeiterInnen, den Weg des
sozialistischen Aufbaus! Dieses Manifest der kommunistischen Partei trug zum
Gang der Weltgeschichte so viel bei, dass es in diesem Bezug (und einzig in
diesem!) durchaus mit Büchern wie der Bibel oder dem Koran zu vergleichen ist,
doch: Es führte den Gang der Geschichte auf eine höhere Ebene, weg von religiöser
Verklärung der Köpfe, hin zu einer materialistischen, wissenschaftlichen
Erkenntnis der Dinge. Für diesen Weg war es maßgeblich, waren im Manifest doch
zum ersten mal die Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus, wie er führend
von Marx und Engels erarbeitet wurde, enthalten.
Viele
bezogen und beziehen sich auf das Manifest. Sämtliche „Linke“ welche sich
selbst in irgendeiner Form auf Marx und Engels „beziehen“, loben das
Manifest natürlich in den höchsten Tönen. Selbstverständlich ist das nicht
zuletzt dadurch möglich dass im Manifest selbst, rein wörtlich, von der
Diktatur des Proletariats, welche in der Revolutions- und Staatslehre des
revolutionären Kommunismus einen, wenn nicht DEN, zentralen Stellenwert
einnimmt, keine Rede ist. Gut, das mag sein, doch erstens zogen Marx und Engels
aus den Erfahrungen der Pariser Kommune 1871 noch einige wichtige Schlüsse, die
sie selbst noch in neue Auflagen des Manifests einfiesen ließen. Weiters ist
dennoch davon die Rede dass sich das Proletariat zur herrschenden Klasse erheben
müsse. Dieses „zur herrschenden Klasse erheben“ definierte Karl Marx danach
noch genauer: „Zwischen dem Kapitalismus
und dem Kommunismus liegt eine Fase des Überganges, dessen einzige Form in der
Diktatur des Proletariats bestehen kann“. Diese Sätze sind es, die von
jenen welche sich im Namen des Kommunismus auf Reformen beschränken, jene
welche den Kommunismus eines jeden revolutionären Inhalts berauben und sich nur
mit den Worthülsen Sozialismus und Kommunismus schmücken, gemieden werden wie
die Pest. Diese bürgerlichen und kleinbürgerlichen Apologeten des ganzen
vermaledeiten kapitalistischen Systems sind es, welche das Manifest lesen wie
ein Bilderbuch, und es immer wieder mal zitieren. Das Wesen des Manifests und
vor allem die Konsequenzen welche aus dessen Inhalt für heute, für die
aktuellen Aufgaben der KommunistInnen, daraus gezogen werden können, negieren
und verleugnen sie. Für die Revolutionäre hingegen ist das Manifest ist kein
Museumsstück und kein Büchlein welches rein nostalgischen Charakter besitzt.
Es ist ein Buch von hoch aktuellem Praxisbezug. Es ist kein Bericht zum
aktuellen Tagesgeschehen, obwohl es dieses, auf Seiten der Ausgebeuteten
stehend, grundsätzlich erklärt. Selbstverständlich, die Beispiele welche Marx
und Engels anführten, mögen Stelleweise „etwas“ veraltet erscheinen, doch
geht es nicht um zeitgebundene Beispiele im Text, sondern um den Charakter, um
den INHALT der jeweiligen behandelten
Thematik – Das Manifest ist ein wissenschaftliches Buch das ohne akademische
Floskeln und Fachsimpelei auskommt, ein Umstand der die Bedeutung dieses Werkes
keinesfalls schmälert sondern eher dem ganzen um ein vielfaches mehr an
Bedeutung verleiht. Geschrieben für die Massen der ArbeiterInnenklasse, oftmals
bekämpft durch den kapitalistischen Staat und die Institutionen der Religionen
rund um die Welt, konnte es bisher weder verboten noch vernichtet werden.
Dieses
Buch welches Marx und Engels im Auftrag der Ersten Internationale, welche ihre
programmatischen Ansichten in einem Buch zusammengefasst wissen wollte,
vor 160 Jahren schrieben, ist wohl das bedeutendste Werk des revolutionären
Kommunismus. Damit sollen die in der Geschichte nachfolgenden großen Werke
nicht in den Schatten gestellt oder gar in ihrer Bedeutung herabgesetzt werden.
Lediglich soll daran erinnert werden, ob es denn überhaupt zu so großen
nachfolgenden Werken wie beispielsweise Lenins „Staat und Revolution“ oder
Maos „Über die Praxis“ kommen hätte können, wenn nicht 1848 dieses Buch
verfasst worden wäre.
Aus: Roter Morgen
Nummer 15, Seite 7
„Faschisierung“
– Der Weg zum Faschismus.
Wir leben im
Kapitalismus, genauer gesagt im monopolistischem Kapitalismus, dem
Imperialismus, mit zwei antagonistischen Klassen, der Bourgeoisie und dem
Proletariat. In der Zeit als sich der Kapitalismus entwickelte war die
Bourgeoisie eine aufstrebende Klasse. Anfangs drehte sich der Kampf der
Bourgeoisie gegen die Feudalherren vor allem um die Erkämpfung der Privilegien
der freien Städte im Mittelalter. Diese vereinzelten Kämpfe, vorangetrieben
durch die Entwicklung der Produktivkräfte und dem damit einhergehenden
Niedergang des feudalen Systems, gipfelten in den großen bürgerlichen
Revolutionen. Die Bourgeoisie stürzte die Feudalherren und erkämpfte eine neue
Gesellschaftsordnung, den Kapitalismus. Im Zuge dieses Kampfes erkämpfte sie
auch dem "freien" (frei im Sinne der freien Konkurrenz) Kapitalismus
ent-sprechende, bürgerlich-demokratische Rechte (u.a. das bürgerliche
Gesetzbuch, Trennung von Kirche und Staat, Abschaffung der Leibeigenschaft).
Diese Rechte sind und waren nie universelle Werte, wie die bürgerliche
Propaganda uns weismachen will. Sie waren für die Bourgeoisie vor allem
Kampfmittel gegen den Feudalismus. Die Forderung nach der Trennung der Kirche
vom Staat beispielsweise beruhte nicht auf der bürgerlichen Ablehnung der
Religion, sondern vor allem an der Verquickung der Feudalherren und der
katholischen Kirche, welche mit ihren Ländereien einer der größten Großgrundbesitzer
war.
Das Proletariat,
welches in seinen Anfängen zusammen mit der Bourgeoisie gegen den Feudalismus kämpfte,
fing, vor allem Ländern in dem der Feudalismus überwunden war, an in der
Bourgeoisie seinen Feind zu erkennen und eigenständige Forderungen zu erheben.
Die fortschrittliche Rolle der Bourgeoisie nahm dadurch immer stärker ab.
Dieser neue Widerspruch führte dazu, dass die Bourgeoisie immer weniger bereit
war die Feudalherren zu stürzen, da dies eine Bewaffnung und Stärkung der
Arbeiter/innenklasse bedeutete. Die Folge waren gescheiterte Revolutionen, wie
z.B. die Revolution von 1848, welche große Teile Europas erfasste. Dies führte
zwar zur einer kurzfristigen Stärkung der Feudalherren, konnte aber die
Entwicklung des Kapitalismus und die damit einhergehende Übernahme der macht
durch die Bourgeoisie nicht aufhalten. Die Bourgeoisie arrangierte sich mit den
Überresten des feudalen Systems. Die fortschrittliche Rolle der Bourgeoisie hörte
im Laufe des Übergangs vom "freien" Kapitalismus zum
Monopolkapitalismus schließlich weltweit auf
zu existieren. Die Bourgeoisie wurde zu einer reaktionären Klasse: "Der
politische Überbau über der neuen Ökonomik, über dem monopolistischen
Kapitalismus ... ist die Wendung von der Demokratie zur politischen Reaktion.
Der freien Konkurrenz entspricht die Demokratie. Dem Monopol entspricht die
politische Reaktion." (LW 23, S.
34)
Mit dem Übergang
zum Imperialismus, der Herrschaft des Finanzkapitals, hat die Bourgeoisie den
Kampf gegen die Feudalherren in den entwickelten Ländern für sich entschieden
und der antagonistische Widerspruch mit der Arbeiter/innenklasse rückt für die
Bourgeoisie endgültig in den Vordergrund. Die bürgerlich-demokratischen
Rechte, im Kampf gegen den Feudalismus entstanden und von der Bourgeoisie für
diesen Kampf gebraucht, werden von der neuen aufstrebenden Klasse, dem
Proletariat, für den Kampf gegen die bürgerliche Herrschaft eingesetzt.
Dadurch entsteht bei der imperialistischen Bourgeoisie die Tendenz zum Abbau
demokratischer Errungenschaften, die sogenannte Faschisierung, während die
Arbeiter/innen den Kampf für den Erhalt und weiteren Ausbau derselben
vorantreiben. Es hängt vom Stand der Klassenkämpfe, und insbesondere von der
Stärke und Bewusstsein der Arbeiter/innenklasse, ab, ob die demokratischen
Rechte abgebaut oder ausgebaut werden.
(Der)
"Faschismus und bürgerliche Demokratie sind zwei Formen bürgerlicher
Diktatur" (IA.RKP-Thesen, Thesen zum Faschismus (an der Macht) in
imperialistischen Ländern, These 6, S. 52). Der Faschismus ist die offene
Terrorherrschaft des Finanzkapitals. Der bürgerliche "Rechtstaat" ist
aufgehoben, die bürgerlichen Rechte hören auf zu existieren. Die Faschisierung
auf der anderen Seite ist eine Tendenz innerhalb der bürgerlichen Demokratie,
die demokratischen Rechte zu beschneiden, um die Möglichkeiten des Kampfes für
die Arbeiter/innenklasse zu verringern. Dazu zählen sowohl der Ausbau des
Gewaltapparats der Bourgeoisie (Polizei, Militär) und ihrer Befugnisse, die
Verschärfung des Strafrechts, des Fremdenrechts (zwecks Spaltung der Arbeiter/innenklasse)
usw., der Ausbau der Überwachungsysteme (Kameras an öffentlichen Plätzen,
Datenspeicherung von Handyverbindungsdaten, Internetdurchsuchungen,
Lauschangriff, usw.), die Einführung von "Terror"paragraphen,
Angriffe auf politisch-aktive Personen, als auch Aushebelung der Trennung von
Staat und Kirche (Konkordat) und vieles mehr. Durch die Faschisierung werden
auch Bedingungen geschaffen, welche den Übergang zum Faschismus erleichtern,
allerdings wächst die bürgerliche Demokratie, egal wie weit die Faschisierung
vorangeschritten ist, nicht in den Faschismus über. "Die imperialistische
Bourgeoisie etabliert den Faschismus als Staatsform, wenn sie keine andere Möglichkeit
sieht, ihre Herrschaft auf bürgerlich demokratischem Weg aufrecht zu
erhalten." (IA.RKP-Thesen, Thesen zum
Faschismus (an der Macht) in imperialistischen Ländern, These 13, S. 52).
Das heißt, die Errichtung der faschistischen Herrschaftsform ist eine bewusste
politische Entscheidung des Finanzkapitals um aus der politischen Defensive
herauszukommen. Die Faschisierung auf der anderen Seite ist ein ständiger
Prozess, welchen die Bourgeoisie vorantreibt. In Europa wird dieser Prozess in
den letzten Jahren hauptsächlich mit Hilfe der EU vorangetrieben (Grenzübergreifende
Koordination der Polizei, Datenaustausch, EU-Armee, Fingerabdrucke in den Pässen).
Angesichts mancher Strömungen in der Anti-EU-Bewegung muss man/frau festhalten,
dass es sich bei der Faschisierung nicht um falsche Politik seitens der
Bourgeoisie handelt, es ist die einzige Politik, welche heute den Interessen der
Bourgeoisie entspricht. Es ist sehr wichtig sich den Unterschied zwischen der
Faschisierung und Faschismus bewusst zu machen. Manche/r wird sich erinnern an
die Warnungen, vor allem der sogenannten Trotzkisten, bei dem Machtantritt der
schwarz-blauen Regierung. Die Tatsache dass die "kritisch" gewählte
SP nicht mehr am Ruder ist, führte bei ihnen zu einer regelrechten Hysterie.
Die Behauptungen, der Faschismus stehe vor der Tür, haben sich nicht
bewahrheitet. Die Verwechslung der Faschisierungsschritte der Bourgeoisie und
des Faschismus führt letzten Endes zur Unterschätzung des Faschismus.
Gleichzeitig hat es für die Sozialdemokraten dieses Schlages den angenehmen
Nebeneffekt, dass man sich keine Gedanken um die Revolution machen muss. Schließlich
gilt es ja die SP wieder an die Macht zu bringen und „den Faschismus zu
bannen“
Aus: Roter Morgen Nummer 17, Seite
14/15
„Revolutionäre“
Wahlbeteiligungen und ähnlicher Unfug.
Nun
wird der/die LeserIn ja schon mitbekommen haben, dass der RKJV die
bevorstehenden Nationalratswahlen boykottiert, ablehnt. Dieser Umstand bringt
uns auch oftmals in Diskussion mit anderen linken oder revolutionären
Organisationen. Manche wollen meinen, dass sich schon Lenin für generelle
Wahlbeteiligung von Kommunisten aussprach. Eine solche Umdichtung der Zitate
Lenins schien uns nun doch eine kleine Spurensuche wert...
...vor
allem deshalb, weil Lenin alles andere tat, als Wahlen zum bürgerlichen
Parlament generell als Taktik für die KommunistInnen zu empfehlen. Zum Boykott
von Wahlen, äußerte er sich grundlegend nicht ablehnend: „Selbstverständlich
wäre jemand, der so wie früher und ganz allgemein sagen wollte, dass der
Verzicht auf die Beteiligung an bürgerlichen Parlamenten unzulässig sei, im
Unrecht.“(1) Aufgrund der Erfahrungen in
Russland aber, sprach er sich doch dafür aus, dass unter gewissen
Umständen, vor allem aber gegebenen Voraussetzungen, eine Beteiligung auch
an den schlimmsten bürgerlichen Parlamenten sinnvoll sein könnte. Jene die nun
aber die hemmungslose Anbiederung ihrer Gruppierung an den Wahlmechanismus der
Herrschenden mit dem Satz Lenins, dass man „die
Parlamentstribüne auf revolutionäre, auf kommunistische Art ausnutzen“(2)
müsse, rechtfertigen, haben einige nicht geringe Details verschlafen bzw.
wollen diese, in ihrem relativ plumpen Lenin-Bezug, nicht wahrhaben. Das Wort
„ausnutzen“ (des Parlamentarismus) setzt Lenin nicht unbewusst an diese
Stelle, sondern verfolgt damit einen Zweck. Jenen nämlich, dass die Ausnutzung
des Parlaments durch die revolutionären ArbeiterInnen so wichtig sei „gerade
um die rückständigen Schichten ihrer Klasse zu erziehen,...“(3). Dass
eine solche „Erziehung“, also Aufklärung über den tatsächlichen Charakter
des Parlaments, nicht von einer Handvoll Personen bewerkstelligt wird, ist wohl
klar. Im übrigen bedeutet diese Aussage auch, dass sich die fortschrittlicheren
Teile schon der jeweiligen kommunistischen Organisation zugewandt hätten –
ansonsten ginge es wohl kaum darum „die rückständigsten“ zu
„erziehen“. Lenin meinte, dass eine wichtige Bedingung zur Beteiligung der
KommunistInnen an den Wahlen und Parlamenten jene sei, dass es außerhalb des
Parlaments schon durchaus „Massen“ gibt, welche die jeweilige Kommunistische
Partei unterstützen – nur dann ist es, nach Lenin, möglich, dass die
Kommunistische Partei das Parlament als Bühne nutzt auf der sie den wahren
Charakter dieser Einrichtung für all jene enthüllt, die bis zu diesem Tage
noch Vertrauen in das Parlament hatten. Gleichzeitig, meint Herr Lenin
ebenfalls, muss die Kommunistische Partei in den Kämpfen außerhalb des
Parlaments eine federführende Rolle spielten, denn die kämpfenden Massen der
ArbeiterInnen sind die fortschrittlichen Teile der Klasse, jene die den Glauben
an den Parlamentarismus schon lange verloren haben. Auch wenn es in Österreich
derzeit nicht nach großen Kampfaktionen gegen die KapitalistInnen aussieht
(oder gerade deshalb), ist es dennoch von größerer Wichtigkeit die schon jetzt
vom Parlamentarismus abgewandten Teile der ArbeiterInnenklasse zu sammeln als zu
kandidieren, „denn die Aktion der Massen
– z.B. ein großer Streik – ist immer
und keineswegs nur während Revolution oder in einer revolutionären Situation
wichtiger als die die parlamentarische Aktion.“(4)
Wir
denken uns, dass die heute bestehenden kleinen Keime des selbstständigen
Kampfes, die ersten Ansätze vom Willen zur Rebellion wichtiger sind, als jede
Parlaments- oder Gemeinderatswahl, es somit darauf ankommt zuerst dort Fuß zu
fassen und die revolutionären Ideen zu festigen. Ebenso halten wir es bei
unserem Verständnis des Zitates von Friedrich Engels, der zusammen mit Karl
Marx den wissenschaftlichen Sozialismus begründete, und da meinte dass
„Wahlen ein Gradmesser für die Reife der ArbeiterInnenklasse“ seien. Ja, das kann in mancher Situation richtig sein, aber
Engels schrieb das zu einer Zeit, in der tatsächliche Klassenkämpfe des
Proletariats gegen die Herrschenden tobten und nicht in einer Situation wie Österreich
2008. Wir meinen damit, dass die Entwicklung von Streiks, militanten Demos,
Austrittswellen aus der bürgerlichen Gewerkschaften und schlussendlich
Wahlboykott wesentlich zeitgemäßere „Gradmesser“ sind, als Wahlen zu einem
Zeitpunkt wo es fast keinerlei selbst-ständige Kampfaktion aus der
Arbeiterklasse selbst gibt, geschweige denn eine in diesen Kämpfen fest
verankerte revolutionäre Organisation.
Die
feste Verankerung in den, sagen wir, Massen, ist es, was Lenin für eine
Grundbedingung zur erfolgreichen Ausnutzung des Parlaments betrachtet und was
weiter oben im Artikel schon erwähnt ist. Nicht zuletzt deshalb, weil jeder
Kampf der KommunistInnen auf den diversen Ebenen des Parlamentarismus eine
solche Basis voraussetzt um das aufgestellte Programm tatsächlich umsetzen zu können.
Lenin meint zwar in seiner Schrift „Der ´linke´ Radikalismus...“ auch dass
„Karl Liebknecht in Deutschland (...)
es sogar ohne Unterstützung der Massen von unten vermocht (hat)
Musterbeispiele einer wirklich revolutionären Ausnutzung reaktionärer
Parlamente zu geben“(5), doch ist das kein Argument für jene, die sich
heute als linke Kleingruppe an Wahlen beteiligen wollen. Lenin spielt an dieser
Stelle nämlich auf die deutschen Wahlen im Jänner 1919 an. Bei diesen erreiche
die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), deren Vertreter u.a. Karl
Liebknecht war, 7,7%. Wenn also im Deutschland von 1919, wo Millionen Menschen
von den Wahlen ausgeschlossen waren, die KommunistInnen trotz alledem 7,7%
erreichten, sieht Lenin das nicht als
Masseneinfluss an. Jegliches seiner Zitate welches sich für eine Ausutzung des
bürgerlichen Parlaments ausspricht, geht also entweder von einem Masseneinfluss
als Voraussetzung aus, oder aber ist im Rahmen einer hochgradig explosiven
Grundstimmung unter großen Teilen der Massen, bzw. im Rahmen taktischer Erwägungen
zu sehen.
(Siehe
dazu: „Brief an die österreichischen Kommunisten“ – Lenin im April 1920;
In diesem Brief wurde unter anderem auch davon ausgegangen, dass eine
Wahlbeteiligung der KP wichtig dazu sei große Teile der Basis aus der SP
herauszuziehen. Der gewaltige Einfluss des „Austromarxismus“ ist einer unter
vielen Gründen weshalb dies dann nicht gelang).
Wie
auch unseren „linken Wahlvereinen“ bekannt sein dürfte, herrscht heute in
Österreich weder eine explosive Grundstimmung unter den Massen, noch könnte irgendeine der linken Gruppen derzeit auch nur
einen halbwegs relevanten Erfolg bei Wahlen erreichen. Abgesehen von der
historischen Tatsache dass auch unter günstig scheinenden Rahmenbedingungen die
Wahlorientierung der Kommunistischen Parteien seit den 1920er Jahren relativ
erfolglos blieb und sich nirgendwo größere Erfolge einstellten, müssten diese
Tatsachen eigentlich zu denken geben. Das tun sie aber bei relativ großen
Teilen der Linken offensichtlich nicht. Denn selbst wenn eine der vielen Gruppen
die dann bei irgendeiner Regionalwahl zwischen 0,01 und 2,0% der Stimmen bekommt mit einem auch nur ansatzweise revolutionären
Programm antreten würde, wie glaubt man tatsächlich auch nur ein
einzigen dieser Programmpunkte umsetzen zu können? Man glaubt es erst
gar nicht. Die Folge: Mit den Forderungen die zur Wahl aufgestellt werden und
den Zielen die man sich gesteckt hat, driftet man unweigerlich nach rechts, in
das Eck jener, die ein bisschen Reform da und ein bisschen Reform dort fordern,
den Kapitalismus selbst aber unangetastet lassen. Man wird zu einem der vielen
x-beliebigen Stimmenfänger, man ordnet das Ziel des Umsturzes der
kapitalistischen Gesellschaftsordnung dem Ziel „Wahl“ unter, ist somit dort
angekommen wo einen die bürgerlichen Kräfte haben wollen.
Wahlantritte
solcher Größenordnung sind also nicht nur Blödsinn sondern auch gefährlich,
da es durchaus schnell geht, dass Leute die wirklich etwas gegen das System tun
wollen, vom selben vereinnahmt werden – ganz abgesehen von dem „Signal“ an
die WählerInnen welches durch so ein Scheitern gegeben wird und dem Futter das
man den bürgerlichen Kräften durch einen Wahlantritt verschafft. Wenn nun aber
linke und „kommunistische“ 0,5%-Gruppen davon daherbrabbeln dass man die
jeweilige Wahl trotzdem als „Tribüne“ nützen könnte, ist das purer Unfug.
Ihr Anteil an realen Stimmen ist in diesen Fällen (v.a. bei Gemeinderatswahlen)
so gering, dass festgestellt werden muss, dass zu jeder größeren Demonstration
mehr Leute kommen.
Wir
lehnen Wahlen also nicht nur bei der kommenden Nationalratswahl ab, sondern
beteiligen uns generell nicht an den Institutionen bürgerlicher
Ausbeuterherrschaft. Wahlen, bzw. die Teilnahme an diesen, ist immer eine
taktische Entscheidung, schnell findet man sich in der Situation wieder, in der
dann die „Bewegung alles, aber das Endziel nichts ist.“
Die
oben betriebene Spurensuche zum Parlamentarismus bei Lenin
war keine besonders aufwendige, sollte lediglich dem Zweck dienen
aufzuzeigen wie absurd und unsinnig es ist, dass manche Gruppen die eigenen
parlamentarischen Bestrebungen mit Leninzitaten zu rechtfertigen versuchen. Wir
halten es in unserer politischen Arbeit durchaus auch mit Lenin, meinen mit ihm
aber... „Ein
Rezept oder eine allgemeine Regel, brauchbar für alle Fälle fabrizieren zu
wollen, wäre Unsinn. Man muss selbst einen Kopf auf den Schultern haben, um
sich in jedem einzelnen Fall zurechtzufinden.“
Zitate
nach: (1) Lenin AW; Progress 1969; „Der ´linke` Radikalismus...“ S.
600/601, (2) S. 603, (3) S. 597, (4) S. 599, (5) S. 603
Aus:
Roter Morgen Nummer 17 (August/September 2008) Seite 15/16