BARO DROM

Der lange Weg

Der erste Fall des Adam Wischnewski

Folge #005

Was bisher geschah

Adam Wischnewski, seit vielen Jahren als Tourmanager und Fahrer mit verschiedenen Gypsy-Musikern auf Konzertreisen in ganze Europa unterwegs, macht sich gemeinsam mit seiner ehemalige Partnerin und Reisegefährtin Mirijam, die er nach über 15 Jahren zufällig in einer wiener Hotellobby wieder getroffen hat, mit seinem alten Mercedesbus Richtung Rumänien auf. Die beiden haben jedoch unterschiedliche Ziele dort.

Während Adam sich mit einer Reihe von Romamusikern auf eine Konzertreise begibt und dabei ungewöhnlicherweise in Bukarest eine junge Sängerin abholen soll, die weder er noch einer der anderen Musiker kennt, wird Mirijam, deren Unternehmungen als Kunstagentin vor allem als Tarnung Ihrer Einsätze für einen Nachrichtendienst dienen, von Ihrem Chef Sergej Ibrahimowitsch Balasaria damit betraut, herauszufinden, warum der russische Geheimdienst seine Einheiten in der Ukraine an der Grenze zu Rumänien verstärkt und was es mit einem mysteriösen Todesfall bei den Russen auf sich hat.

Zur gleichen Zeit wird in der Romasiedlung einer kleinen rumänischen Gemeinde nahe der ukrainischen Grenze die Wohnung des jungen Aktivisten Adrian von unbekannten verwüstet und er selbst niedergeschlagen.

Derweil trifft Mirijam in der südungarischen Kurstadt Pecs, in der sie, Adam und einige Musiker übernachten, ihren ersten Informanten. Der hochrangige Polizeibeamte Juri Barnavor kann ihr zwar nichts über ungewöhnliche Vorkommnisse in Rumänien berichten, dafür von einem beunruhigenden Ereignis am Donauufer bei Pecs.

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Mirijam hob die Brauen.

„Ausgespuckt?“

„Ja, eine junge Frau, eine Tote, hier gar nicht weit von Pecs ans Ufer gespült.“

„Ertrunken im Hochwasser?“ Mirijam wartete auf den eigentlichen Punkt.

„Durchaus, aber bevor diese bedauernswerte Person den Wellen zum Opfer fiel, wurde sie verletzt, geschlagen – schwer misshandelt, vergewaltigt. Möchten Sie sehen?“

„Ich habe noch nicht gefrühstückt, Juri.“ Er überhörte Mirijams Einwand, schien mit einem Mal ganz in seinem Element zu sein.

„Kommen Sie,“ er deutete auf einen Mauerabsatz auf der anderen Seite der Straße. „Was uns besondere Magenschmerzen bei diesem Fall bereitet: die Dame war sehr, sehr jung. Und was noch schlimmer ist,“ fuhr er fort, während er seine schwarzlederne Aktentasche auf einen Mauervorsprung stellte und das Zahlenschloss öffnete, „sie war eine Romni.“

„Eine Romni?“ Mirijam stutzte.

„Ja, eine Zigeunerin.“ Er holte einen braunen Umschlag au seiner Tasche. „Eine junge, misshandelte und vergewaltigte Angehörige der Roma. Ans Donauufer gespült, ausgerechnet bei Pecs. Das ist sehr unschön. Wir haben den Fall noch nicht öffentlich gemacht, aber früher oder später dringt irgendwas an die Presse durch und dann,“ er schüttelte den Kopf und reichte Mirijam eine A4 große Fotographie.

Mirijam zuckte unwillkürlich zurück, kniff die Augen zusammen und blickte dann erst noch einmal auf das Bild und dann fassungslos wieder zu Juri.

„Und dieses Mädchen ist hier aus der Gegend von Pecs?“

„Nein, wir wissen nicht wer sie ist oder woher sie kommt. Wir vermuten, sie ist aus Budapest, vielleicht sogar Bratislava. Aber wie schon gesagt, Madam Mirijam,“ er nahm das Bild wieder an sich, „für Sie leider die falsche Richtung. Es sei denn, die Tote ist die Donau stromaufwärts geschwommen.“ Und zum ersten Mal ließ er ein kurzes, verhustetes Lachen vernehmen.

Baba

„Warst Du bei der Polizei?“ Adrians Großmutter blickte sehr besorgt, während sie vorsichtig eine selbst angerührte Kräutersalbe auf die Blutergüsse über seinem Wangenknochen strich.

„Nein,“ erwiderte er gequält, „was glaubst Du denn?“

„Gut,“ die alte Frau strich sich eine Strähne ihrer tiefschwarzen langen Haare aus dem Gesicht und schien zumindest was das betraf beruhigt. Es war nicht so, dass sie der rumänischen Polizei grundsätzlich Rassismus unterstellte. Sicherlich waren anständige Kerle dabei, die ordentlich ihren Dienst taten und für jedermanns Recht und Ordnung sorgten. Bestimmt gab es solche. Man sieht sie im Fernsehen, in den Großstädten oder im verträumten Siebenbürgen. Die Polizei dort kannte sie ja nicht und so wollte sie sich auch kein Urteil erlauben. Sie kannte nur die Polizei von Dorohoi und was die betraf, so handelte es sich nicht um Unterstellungen, sondern um Gewissheit.

Wäre Ihr Enkel zu den hiesigen Ordnungshütern gegangen und hätte berichtet, bei ihm sei eingebrochen, seine Wohnung verwüstet, sein teurer Computer entwendet und er selbst schließlich niedergeschlagen worden, so wären die Beamten, dessen war sie sich sicher, mit großem Eifer daran gegangen, die Frage zu klären, wie ein junger Gypsy zu einen kostspieligen, modernen Computer kam. Adrian hatte den LapTop im vergangenen Jahr gekauft, er hatte den Sommer über dafür mehrere Monate auf einer großen Baustelle an einem Donaukraftwerk gearbeitet. Vermutlich hatte er auch die Rechnung für den Rechner noch irgendwo aufbewahrt, aber das würde auf der örtlichen Polizeistation niemanden interessieren. Dort sähe man Vandalismus, Diebstahl und einen jungen Rom und somit stünde der Hauptverdächtige von vornherein fest. Ungeachtet der Tatsache, dass dieser selbst die Verbrechen gemeldet hätte. Nein, es war gut, dass er keine Anzeige erstattet hatte. Sie hattenwirklich Ärger genug.

„Wir müssen das innerhalb der Siedlung klären.“ Stellte sie fest, während sie sich den blutigen Schürfungen an Adrians Bein zuwandte. „Das war niemand von hier, Baba,“ entgegnete Adrian, „auch niemand aus dem Ort, das war jemand von außerhalb.“ Seine Großmutter sah ihn forschend an.

„Die haben den LapTop nicht genommen, um ihn in Bukarest auf dem Flohmarkt zu verkaufen. Die wussten, dass ich Material auf dem Rechner habe. Die wollten meine Untersuchungen zerstören. Und vor

allem wollten sie mich einschüchtern.“

„Sie?“

„Ja, das steckt was Größeres dahinter. Die beobachten mich. Sie kannten meinen Internetnamen, sie wussten, wo ich wohne, wann ich arbeite. Das war nicht ein einzelner.“ Baba, wie Maria Neumann von allen genannt wurde, sah ihren Enkel mit einer Mischung aus Verständnis und Trauer an. Baba-Maria war eine ebenso emphatische wie intelligente Frau. Wäre sie als Engländerin, Französin oder als Deutsche geboren, so wäre sie vermutlich Ärztin geworden. Chirurgin vielleicht oder Chiropraktikerin. Vielleicht auch Psychologin. Als Romni hatte sie das Weben gelernt und praktizierte nun als eine Mischung aus alledem, ohne Doktortitel zwar, aber von der Romagemeinde der kleinen Siedlung am Rande der ostrumänischen Kleinstadt Dorohoi und auch darüber hinaus als Heilerin bekannt und hoch angesehen.

Sie war erst als junge Frau mit ihrem Mann und den damals drei Kindern in die Region gezogen. Ihre Familie stammte aus den Hochebenen in Siebenbürgen. Manchmal wurde sie von Freunden als Halbblut geneckt, denn ein Ururgroßvater war ein Gadze gewesen, ein Nichtroma, ein Siedler aus Sachsen, der wie tausende anderer damals aus seiner deutschen Heimat in das ferne Land im Osten geschickt worden war, um den Einfluss des Reiches auf diese Kornkammer Europas zu sichern und zu erweitern.

Von ihm hatte sie ihren deutschen Familiennamen, der so gar nicht zu ihrer dunklen, olivfarbenen Haut, ihren tiefschwarzen Augen und zu ihrem nicht minder schwarzen Haar passen wollte. Maria wusste, dass in ihrem Enkel dasselbe Verlangen nach Veränderung brannte, dass sie selbst ihr Leben lang verfolgt und gequält hatte. Und sie hatte in den vielen, ereignisreichen Jahrzehnten gelernt, dass Veränderungen Opfer verlangen. Sie betete, dass die Opfer, die Adrian würde bringen müssen, nicht zu groß seien mögen.

„Sieh zu, dass da kein Schmutz dran kommt!“ Sie deutete auf sein Bein und machte sich daran, ihre Behandlungsutensilien zusammen zu packen. „Und Du solltest mit Zoltan sprechen.“ Zoltan war der Patriarch ihrer Großfamilie. Der Waida, wie die Clan-Oberhäupter bei den Roma genannt werden. Adrian verzog verächtlich das Gesicht.

„Was der sagt, weiß ich jetzt schon. Ich solle nicht so viel Staub aufwirbeln und nicht alle in Unruhe versetzen. Und dass das Internet ohnehin nur Probleme bringe und dass ich den Dingen lieber einfach ihren Lauf lassen und aus dem Weg gehen soll.“ Baba seufzte.

„Adrian, der Waida ist kein dummer Mann. Er mag sich nicht in der neumodischen Welt auskennen, wie Du und natürlich ist er konservativ, aber er verfügt über einen reichen Schatz an Lebenserfahrung. Er sollte auf jeden Fall wisse, was Dir widerfahren ist und im Rat diskutieren, was zu tun sei.“

„Ah,“ Adrian war aufgesprungen. „Ja, diskutieren, das können die alten Männer. Und? Was bringt es uns? Und außerdem, mit dem, was hier vor sich geht, haben auch die keine Erfahrung. Hier geht es nicht darum, ob ich etwas modernisieren oder für unsere Rechte eintreten will. Es geht nicht darum, ob wir die Dinge lieber so lassen wollen, wie sie sind. Hier geht es darum, dass die uns weg haben wollen. Baba, die wollen uns vertreiben. Oder am besten vernichten!“ Seine Großmutter legte die Stirn in tiefe Falten,

„Übertreibst Du nicht ein klein wenig?“

„Siehst Du? Genau das wird er auch sagen. Genau das. Er wird es nicht verstehen. Er hat keine Ahnung, worum es hier geht. Er kapiert’s einfach nicht. Er kapiert es nicht!“

„Adrian!“ Plötzlich stand die alte Frau energisch und kerzengerade ganz dicht vor ihm. „Sprich nicht so respektlos von Deinem Vater!“

Für einen Augenblick funkelten sich die beiden Augenpaare zornig an, die trotz des Alters-und Geschlechtsunterschiedes ähnlicher nicht hätten sein können. Dann wich die Erregung aus Marias Zügen und sie ließ wieder Milde in ihren Blick fließen.

„Ach Junge.“

„Ja Baba,“ auch Adrians Anspannung löste sich, „ich pass ja auf mich auf.“

„Und Dein Vater?“

„Ich erzähl’s ihm. Er wird’s ja so und so erfahren,“ jetzt grinste der junge Mann sogar schelmisch, „so viele Ohren, wie die Wände hier bei uns haben, da brauchen wir ohnehin kein Internet.“ Dann wurde er wieder ernst. „Aber als erstes spreche ich mit Aleksandar.“

„Ivanescau Aleksandar? Der Bürgermeister?“ Sie schien erstaunt. „Glaubst Du ernsthaft, der hat etwas damit zu tun?“

„Ich weiß nicht. Aleks ist kein Schlechter. Aber er ist so ehrgeizig und irgendwas stimmt bei ihm nicht. Vielleicht kann ich ihn aus der Reserve locken. Immerhin waren wir mal zusammen auf der Schule.“ Den letzten Satz sagte er mit unüberhörbarem Sarkasmus und er lachte kurz spöttisch, bei dem Gedanken an ihr vermeintlich gemeinsames Jahr in der 2. Klasse der Grundschule.

Er schickte sich an zu gehen.

„Danke Baba. Du bist wie immer die Beste.“ Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn, bevor sie sich mit drei Wangenküssen verabschiedeten. Als er bereits in der Tür stand fragte sie ihm noch hinterher:

„Hast Du eigentlich Deine Liebste schon angerufen?“

„Oh, f...“ Er biss sich auf die Lippen. Nein, an Alisa hatte er tatsächlich überhaupt nicht gedacht.

Jazz

Adam hatte sich selbst nie für besonders musikalisch gehalten. Aber er liebte Musik solang er denken konnte. Sie hatte immer eine wichtige Rolle in seinem Leben gespielt. Dabei war er nicht auf besondere Stilrichtungen festgelegt. In seiner Jugend war er ein leidenschaftlicher Konsument vollkommen durchschnittlicher Rock-und Pophits, auch mit zunehmendem Alter konnte er sich nach wie vor für eingängige Melodien, runde Arrangements und gute Rhythmen begeistern. Aber er hatte sein Spektrum ständig erweitert. Sein Gespür und seine Liebe zu ost-und südosteuropäischen Klängen sowie zum Jazz, speziell jenem mit einem hörbaren Gypsy-Einschlag, hatte er erst recht spät entdeckt. Erst seit dem er in Wien lebte. Vielleicht weil dort der richtige Nährboden für diese Klangwelten vorhanden war.

Im Laufe der vielen Stunden und Tage, die er mit den unterschiedlichsten Musikern unterwegs gewesen war, hatte er – fast zwangsläufig – auch einiges an theoretischem Wissen und an Insiderkenntnissen gesammelt. Ganz gegen sein eigentliches Wesen,dem zu viel Theorie noch nie gelegen hatte. Er kokettierte des Öfteren damit, dass er sich bei allem, was er tat, das Stadium des eifrigen Amateurs bewahren wolle.

„Ich habe gestern die Aufnahme gehört von die Rosenberg Jimmy ,“ begann Anton, kaum dass sie das Ortsgebiet von Pecs verlassen hatten, das Spiel, das Adam als „New-Yorker-Juden-im-Barbers-Shop“ bezeichnete, da ihn das Wetteifern der Musiker, um das umfassendste und beste Wissen über die herausragendsten Musiker der Jazzwelt und deren höchste Leistungen, mit dem sie sich oft Stundelang beschäftigen konnten, regelmäßig an Szenen aus amerikanischen Filmen erinnerte, in den drei oder vier alte Männer, meist jüdische Pensionisten in grauen Anzügen, beim Barbier oder auch in einem einfachen Cafe sitzen und sich mit sportlichen Sternstunden und deren Protagonisten zu überbieten versuchen.

„Wo er spielt in Carnegie Hall zusammen mit Les Paul und George Benson . Ist von 1998. Ich sage, da er spielt die beste Solo, dass er hat gespielt in seine Leben. 12 Minuten 22 Sekunden. Jede Sekunde nur aus Gold.“

Meistens, je nach Stimmung, schaltete Adam bei diesen Wortgefechten entweder nach kurzer Zeit auf Durchzug und nahm die Diskussionen um Höhepunkte und Legenden, die auch mit einem guten Maß mit Musikerlatein durchsetzt waren, nur mehr als eine Art Hintergrundrauschen wahr. Manchmal aber, juckte es ihn, und dann stieg er in die Auseinandersetzungen mit ein, versuchte dabei ebenso übertrieben ernsthaft zu bleiben, wie seine Reisegefährten und mittlerweile gelang es ihm sogar ab und an in diesen Runden einen Stich zu machen, worüber er sich – zu seinem eigenen größten Erstaunen – tatsächlich stundelang geradezu kindlich freuen konnte. So oder so war das ganze eine höchst kostengünstige und simple Art, lange Reisestrecken kurzweilig zu gestalten.

Antons Eröffnung war ein eher konservativer, fast harmloser Anfang, ohne Risiko. Das zeigte schon die Erwähnung von Les Paul und George Benson in einem Atemzug. Jeder allein gilt unter Jazzmusikern schon als eine Art Joker. Unantastbar, unschlagbar. Aber wer spielt schon gleich zwei Joker beim ersten Zug aus?

„Ja ich kenne Aufnahme“ begann Andreasz seinen Gegenzug. „Ist nicht schlecht. Aber ich muss Dir einmal geben Mitschnitt von Konzert, das er hat gegeben für ungarische Rundfunk 1991. Eigentlich wundert, dass Du nicht kennst, weil da er spielt ganz bestimmt das Solo für die Götter. Ich weiß nicht wie lang es spielt, aber ich bin sicher, dass nicht ist möglich, aus eine Gitarre etwas besseres zu holen heraus. Erinnere mich, dass ich Dir mache eine CD Kopie, Tontschi. Du musst das hören. Adam, kennst Du diese Radioaufnahme?“

„Nein, leider, ich glaube nicht.“ Adam hielt sich noch bedeckt. Er hatte einen Trumpf im Sinn, aber er wollte ihn nicht zu früh ausspielen.

„Dann ich mache Dir auch CD,“ gab sich Andreasz gönnerhaft.

„Ja gerne, danke.“ Adam wusste, dass er diese CD nie bekommen würde. Es gehörte zu den Regeln des Spiels, dass die Musiker sich gegenseitig versprachen, den scheinbar Unterlegenen mit CDs oder auch DVDs zu helfen, ihre vermeintlichen Wissenslücken zu schließen. Schon nach der nächsten Raststation würde jeder von ihnen die gegenseitig zugesagten Aufnahmen bereits wieder vergessen haben.

„Natürlich wir reden jetzt nur von akustische Gitarre.“ Tontschi, wie Anton von den meisten gerufen wurde, war noch weit davon entfernt, sich bereits geschlagen zu geben. „Wenn wir sprechen auch über elektrische Jazzgitarre, dann Jimmy ist natürlich nur obere Durchschnitt. Kein Vergleich zum Beispiel mit die Stefanovski Vlatko . In Achtziger und Neunziger Jahre es sicher gab niemand, der soviel Gypsy holt aus eine Fender Stratocaster und immer ist spannend wie Krimi.“

„Du findest Vlatko spannend?“ Andreasz spielte den Überraschten. „Ich finde so spannend wie hundertste Folge von Baywatch. Du musst doch kennen Shepik Brad , Tontschi. Das ist spannende Jazz. Manchmal spielt Läufe, klingt wie gespielt mit eine Bogen, fast wie Geige. Und er hat die wärmste Sound die ich je gehört von eine Gitarre Les Paul. Ich weiß von eine Freund, dass Shepik verwendet doppele Röhre in Verstärker. Spezielle Anfertigung. Kostet eine Röhre 10.000 Britische Pfund. Er hat in seine Vertrag mit Veranstaltern immer stehen, dass muss dort sein mindestens eine solche Röhre als Ersatz.“

„Aber wo ist Kunst, wenn er nicht kann spielen ohne viel zu teure Röhre?“ Tontschi konterte den Enthusiasmus seines Kollegen mit ungerührter Miene. „Aber Du bist zu jung, Andreasz, ich glaube, um zu schätzen echte Meister von die Les Paul in Gypsyjazz. Ist die Vignola Frank . Ist gute Freund von die Meister Les Paul selbst. Les Paul hat erzählt über ihn einmal in Interview mit Wall Street Journal . Wenn Du gibst die Frank eine Schuhkarton zum anschließen die Gitarre, dann er klingt mehr warm und satt, wie die ganze Shepiks mit alle teure Technik. Ich habe gehört exklusive Aufnahme in Jazzmuseum in Paris von eine Radiosession in Lyon an 21. März 1991 wo er interpretiert Stücke von Django . Ist wie eine Lehrstück. Du musst studieren diese Aufnahme ganz genau und Du kannst verzichten auf eine Jahr an Konservatorium soviel Du kannst lernen von diese eine Stunde Konzert.“

„Also ich weiß ja nicht, wie Ihr das seht,“ Adam befand, dass es jetzt an der Zeit war, einzusteigen, „aber wenn schon Gypsyjazz, dann richtig. Und dann muss es einen Primas geben und ein Primas spielt nun mal Geige. Gitarre ist doch in Wahrheit ein Begleitinstrument.“ Adam wusste, dass das eine provokante und ziemlich verwegene Ansage war. Zumal für einen Gadze. Aber er war in Risikolaune und sich zudem seines Jokers ziemlich sicher. Darum legte er sogar noch nach. „Und, bitte seid mir nicht böse, aber Ami bleibt Ami. Letztlich klingt doch da auch Gypsyjazz irgendwo immer nach Country und irischer Fidel. Im besten Fall nach Gershwin. Wusstet Ihr, dass es eine Aufnahme von Stéphane Grappelli gibt, bei der er sieben Jahre alt war? Die wurde unlängst erst in einem Budapester Archiv entdeckt und restauriert. Ihr erinnert Euch vielleicht an Mikail aus Minsk, der den PA-Verleih in Moskau betreibt? Der hat mir vor einigen Tagen von dieser Aufnahme ein mp3 gemailt. Ist nur ein mp3, aber schon da ist das nicht zu überbieten. Mit sieben Jahren war dieser Grappelli schon so genial. Und vor allem noch völlig unverdorben und unbeeinflusst von Technik und irgendwelchen Einflüssen. Das ist einfach nur pure Emotion. Ich wette, da kommen Euch die Tränen, wenn Ihr das hört. Ich hab das Email auf meinem LapTop, wenn wir im Hotel sind, muss ich Euch das vorspielen. Da fallen Euch die Ohren ab, Freunde.“

„Ich wusste nicht, dass Du hörst französische Jazz, Adam.“ Tontschi nickte anerkennend. „Ist leider gestorben viel zu früh – er wurde nur 100 Jahre, Ihr wisst? Wenn er heute noch gelebt hätte – oh, stelle Dir vor, was der spielen würde.“

„Ja, ich habe schon oft gedacht, das wäre das größte“ beeilte sich auch Andreasz zuzustimmen, um sogleich die nächste Runde zu beginnen. „Stell Dir vor, zum Beispiel spielt zusammen mit Darriau Matt mit Klarinette. Das wäre einzige der lebt, der wo könnte mithalten mit andere Instrument. Für mich Darriau ist überhaupt eigentliche Herz von Klezmatics

Adam lächelte zufrieden. Er hatte seinen Stich gewonnen und da er keine wirkliche Spielernatur war, würde er es dabei belassen und seinen Erfolg in Ruhe genießen. Er gönnte sich einige Blicke über die weiten Felder, die rechts und links neben ihnen vorbeizogen. Dann blickte er hinüber zu Mirijam.

Bilder

Größer hätte der Unterschied kaum sein können. Verglichen mit der Reise am Vortag, war für Mirijam auf der Fahrt von Pecs Richtung Serbien alles anders. Das unbelastete Gefühl durch eine Welt zu gleiten, die mit der ihren absolut nichts zu tun hatte, fast wie bei einem Museums-oder Kinobesuch, hatte sich jäh als Illusion erwiesen. Unzählige Fragen und Zweifel waren in die zuvor als so angenehm empfundene Leere gestürzt, als hätte jemand mit einer Nadel in eine Vakuumverpackung gestochen. Und was gestern noch entspannte Stille gewesen war, belastete sie heute als bedrückendes Schweigen.

Abgesehen davon, dass von Ruhe ohnehin nicht mehr die Rede sein konnte, seit Anton zu ihnen gestoßen war. Mirijam konnte sich nicht erinnern jemals einen Menschen getroffen zu haben, der solchermaßen sprichwörtlich ohne Punkt und Komma reden konnte. Und dies in einem Tempo, dass einem schwindlig werden konnte, selbst dann, wenn man kein Wort von dem verstand, was der kleingewachsene, drahtige Mann mit dem künstlerisch gepflegten Dreitagebart und dem ergrauten Haarkranz um eine raumgreifende, natürliche Tonsur, ohne Unterlass von sich gab. Da er zumeist in Ungarisch auf seine Kollegen einredete.

Andreasz versuchte, nachdem er mit seinem Bandchef noch einige Runden „New-Yorker-Juden-im-Barbers-Shop“ ausgefochten hatte, dem nicht enden wollenden Strom der Worte ab und zu durch vorgetäuschtes Einschlafen zu entkommen, jedoch ohne Erfolg. Schon deshalb nicht, weil Tontschi meist ohnehin nicht auf Antworten oder Reaktionen seiner vermeintlichen Gesprächspartner achtete oder sich von solchen etwa unterbrechen ließ.

Am Vortag hätte Mirijam dieses wahrhafte Sprachphänomen noch amüsiert beobachtet und vielleicht versucht, sich einen Sport daraus zu machen, anhand von Gestik oder Sprachmelodie die Inhalte von Tontschis Vorträgen zu erraten oder auch zu erdichten. Heute empfand sie es jedoch nur als enervierendes Störfeuer, das sie daran hinderte, die zahllosen Gedanken zu sortieren, die sich seit Ihrem Treffen mit Juri wie außer Kontrolle geratene Rotorblätter in ihrem Kopf drehten.

Sie hatte die Tote auf dem Bild, das ihr der Polizeidirektor gezeigt hatte sofort erkannt. Obwohl das Gesicht der jungen Frau vom Wasser sehr gezeichnet war, konnte Mirijam die charakteristischen Wangenknochen und die für eine Romni außergewöhnlich zierliche Nase ausmachen, die sie auf der weitaus attraktiveren Aufnahme von Alisa so bewundert hatte. Auf dem Portraitfoto, das Adam ihr tags zuvor gezeigt hatte.

Sie hatte versucht sich nichts anmerken zu lassen. Geistesgegenwärtig, genau genommen eher reflexartig, hatte sie Juri gebeten, das Bild mit ihrer Digitalkamera abfotografieren zu dürfen. Mit der wenig überzeugenden Begründung, es könnte ja sein, dass ihr die Donau etwas zuflüstere. Wenn er, Juri, schon nichts Essentielles für sie hätte, so könnte es der Zufall doch wollen, dass ein paar Informationen für ihn ihren Weg kreuzten. Immerhin führe sie selbst in die gleiche Richtung, in der auch die Tote unterwegs gewesen war. Mirijam war bemüht gewesen, ihren lakonisch-respektlosen Ton beizubehalten, um keinen Verdacht zu erregen. Warum eigentlich? Sie konnte es nicht sagen. Ebenso wenig ob es ihr gelungen war.

Juri besaß eine geradezu beängstigende Menschenkenntnis. Sie war seine stärkste Waffe, für die er über die Grenzen seines Wirkungskreises hinaus bekannt und zuweilen auch gefürchtet war. Seine auffällige Emotionslosigkeit war dabei Teil seiner Methode. Nichts sollte ihn ablenken beim Erspüren der Schwingungen, die seine Umgebung aussandte, Wie ein Radar, bei dem alle Eigenreflektionen herausgefiltert werden

Hatte er also ihren Schrecken bemerkt? Die schlagartige Veränderung ihrer Situation? Und war das wichtig? Er stand schließlich auf ihrer Seite? Gab es Seiten? Und wenn, welche?

Zufall. Dieses Wort tauchte in den folgenden Stunden am häufigsten in ihren Gedanken auf. Konnte es Zufall sein? Zufall, das hatte Mirijam in den vergangenen Jahren gelernt, war allgemein eine der beliebtesten Erklärungen für so ziemlich jede Art von Sachverhalt. In aller Regel war es aber auch die Unwahrscheinlichste. Und wenn gar mehrere Zufälle zusammentrafen, sanken die Chancen unaufhaltsam gegen Null, dass es sich tatsächlich um Zufälle handelte.

Ihr zufälliges Treffen mit Adam im Hotel? Dass er zufällig ebenso nach Bukarest unterwegs war wie sie? Andererseits, niemand hatte sie gezwungen, mit ihm mitzufahren. Es war ihre eigene Idee gewesen. Aber war es nicht wiederum eine nahe liegende Idee gewesen? Hätte man sich das nicht ausrechnen können? Aber wozu? Und was hatte das alles mit einer toten Sängerin zu tun, deren Leiche offenbar auf mysteriöse Weise von der rumänischen Hauptstadt flussaufwärts getrieben zu sein schien, um ausgerechnet – zufällig – dort angespült zu werden, wo sie den ersten Informationskontakt bei ihrem neuen Fall treffen sollte. Was für ein Fall? Ungewöhnliche Vorkommnisse an der rumänischen Grenze? Und ein toter russischer Agent, der – welch Zufall

– ebenfalls die schöne Donau entlang getrieben war. Immerhin in der physikalisch korrekten Richtung.

Und schließlich: was hatte Adam mit alldem zu tun? Was hatte das alles miteinander zu tun? Hatte es überhaupt etwas miteinander zu tun? Oder war es doch einfach nur Zufall? Und was – bei allen Flussgöttern -hatte all das mit ihr zu tun? Mittlerweile war Mirijam bald mehr verärgert denn verwirrt.

Adam kannte Mirijam zu gut, um zu glauben, dass es allein Tontschis zugegebenermaßen schier unerträglicher Dauermonolog wäre, der ihre Stimmung verändert hätte.

Wären sie verheiratet oder überhaupt ein Paar gewesen, er hätte er sich allergrößte Sorgen gemacht. Denn die Atmosphäre glich sehr stark jener, kurz vor einer gewaltigen Beziehungskrise. Bedrückendes Schweigen, starrer Blick zum Fenster hinaus. Aber sie waren kein Paar. Und er konnte auch schlecht etwas falsch gemacht haben. Sie hatten sich 17 Jahre nicht gesehen, wie könnte er etwas falsch gemacht haben? Er staunte über seinen Egozentrissmus. Warum ging er überhaupt davon aus, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Vielleicht sollte er sie einfach fragen? Es gab so vieles, was er sie eigentlich fragen wollte. Er hatte ihr in den letzten zwei Tagen einen ziemlich kompletten Überblick gegeben, über das, was sich in seinen Leben zugetragen hatte, seit sie sich aus den Augen verloren hatten. Von ihr hingegen hatte er nur eher spärliche Informationen bekommen.

Im Zuge der unerwarteten Ereignisse war ihm das gar nicht weiter aufgefallen, aber jetzt wurde ihm gewahr, dass er im Grunde kaum etwas von ihr wusste. Nicht einmal was für Beziehungen sie inzwischen gehabt hatte; ob sie jetzt eine hatte. Das musste es sein! Sie hatte eine. Sie hat sich gerade getrennt, er rennt ihr – telefonisch, per sms – hinterher. Logisch, wer würde das nicht tun? Unerwartete Geschäfte in Bukarest? Bullshit! Du rennst vor einer Trennung davon, meine Beste. Und heute hat sie Dich wieder eingeholt. Adam war erleichtert. Er spürte förmlich die Anspannung aus seinen Schultern weichen.

„Ich lese immer noch in Dir, wie in einem offenen Buch,“ dachte er und blickte mit einem heimlichen Lächeln zu ihr hinüber. Er war zufrieden mit sich.

„Ah, Adam.“ Tontschi beuget sich nach vorne zum Fahrersitz, „glaubst Du, das stimmt, das was Marko erzählt, dass sie wirklich ist so gut, diese Sängerin? Ah, heißt Alisa, stimmt?“

„Ich weiß auch nicht viel, Tontschi.“ Adam drehte sich etwas nach hinten, ohne den Blick von der Straße zu nehmen und fasste noch mal zusammen, was Marko ihm über seine angebliche Sensationsentdeckung berichtet hatte. Es war ja nicht so, dass er nicht seine Zweifel gehabt hätte, „aber weißt Du, irgendwas muss an ihr dran sein. Mal ehrlich Tontschi, wie viele Frauen – Mädchen – aus Deiner Familie haben Sprachwissenschaften in London studiert?“ Tontschi lachte, wie über einen besonders absurden Gedanken. Dann boxte er Adam in den Oberarm.

„Naja, das will ich schon hoffen, dass an ihr etwas dran ist!“ Mit einem theatralischen Blick auf Mirijam schlug er sich die Hand vor den Mund. Diese aber schien ihn gar nicht gehört zu haben.

„Jedenfalls, Adam, die wirkliche Frage ist doch, ob sie auch singen kann!“

„Lassen wir uns überraschen Tontschi. Vertrauen wir auf Marko. Wenn der sagt, das sei Superwoman,“ Adam tippte sich mit dem rechten Zeigefinger auf die Wange unter dem rechten Auge, „dann ist das auch Superwoman. Und die kann alles: zu Luft, zu Land, zu Wasser.“ Sie lachten beide.

„Dobre! Dein Wort in – wie sagt ihr? Gottes Ohren?“

„Ja sicher, es wird bestimmt himmlisch!“ Tontschi schlug ihm erneut auf die Schulter, als Mirijam sich zu Adam wandte:

„Könntest Du an der nächsten Raststätte wohl mal raus fahren?“ und tonlos formte sie die Erklärung dazu mit den Lippen.

„Klar, kein Problem. Müsste bald eine kommen.“

Tontschi hatte sich inzwischen wieder zurück in die Sitzbank fallen lassen und erneut angefangen Ungarisch auf den müde blinzelnden Bassisten einzureden. Vermutlich, dachte Adam während er nach einem Rastplatz Ausschau hielt, übersetzt Tontschi jetzt jedes Wort ihrer Unterhaltung für Andreasz, unbeeindruckt von der Tatsache, dass dieser ebenso gut Deutsch verstand, wie Tontschi selbst.

Hatte er sich das eingebildet, oder sah Mirijam blasser aus? Sie war ihm gerade beinahe verzweifelt vorgekommen. So eine schwache Blase hatte sie früher jedenfalls nicht gehabt. Er setzte den Blinker, bog rechts ab und fuhr vor eine etwas verwitterte, aber immerhin geöffnete Tankstelle.

D’Alama

Aleksandar war beinahe eine halbe Stunde zu früh dran. Er saß in der kleinen Bar gegenüber dem Stadtbrunnen und spielte gedankenverloren mit dem Kronkorken seines Mineralwassers. Er konnte sich beim besten Willen nicht entscheiden, ob ihm dieses überraschende Treffen sehr ungelegen oder eigentlich gerade Recht kam. Wenn er nur wüsste, was Adrian von ihm wollte? Dann könnte er sich darauf vorbereiten. Aleksandar hasste es, unvorbereitet zu sein. Er fühlte sich dann in etwa so, als hätte er seine Hausaufgaben nicht gemacht. Es musste etwas mit dem Projekt zu tun haben, soviel war sicher.

Vielleicht konnte er ja die Chance nutzen und Ady überzeugen? Wenn er Adrian auf seiner Seite hätte, dann wäre alles andere A Piece of Cake

– ein Klacks. Er, Aleks, könnte dem gleichaltrigen Adrian so viel bieten. Er wusste, dass der ehrgeizig war und Veränderung wollte. Genau wie er. Sie könnten ein Team sein. Wenn Adrian nur kein Zigeuner wäre, grübelte er. Aber andererseits, es gab ja solche und solche. Und in diesem Fall wäre das ja genau der Vorteil. Wenn er Adrian überzeugen könnte, wäre eben alles so viel einfacher. Fast wünschte er, das Treffen mit Adrian wäre früher gewesen. Nämlich vor dem Termin, auf den er jetzt gerade wartete. Dann wäre dieser vielleicht gar nicht mehr nötig gewesen. Er blickte durch die beschlagene Scheibe hinaus auf den Stadtplatz und seufzte:

„Wenn man vom Teufel spricht.“

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes war eine große Alfa Romeo Limousine zum stehen gekommen, direkt vor dem alten Rathhaus, jenem klassizistischen Jahrhundertwendebau, der unverkennbar Zeugnis davon gab, dass die ungarisch-österreichische Monarchie einst Großes für den kleinen Ort geplant hatte und in dem sich heute sein kleines Bürgermeisterbüro befand. Immerhin mit Vorzimmer.

„Warum parkst Du Deinen Spaghettipanzer nicht gleich direkt in der Eingangshalle?“ ärgerte sich Aleksandar über das wenig diskrete Auftreten seines Besuchers und schüttelte den Kopf. Er war noch nie ein besonderer Freund der Italiener gewesen. Er nahm sie vorwiegend als genierfreie Touristen war, die sich benahmen, als sei Rumänien noch immer römische Provinz und als solche in ihrem Besitz. Oder sie traten als Grundstücksspekulanten auf, die sich mit ihren Euros die bestgelegenen Liegenschaften unter den Nagel rissen und damit die Preise für Einheimische ins Unerschwingliche trieben.

„Kannst Du Deine Widersacher nicht besiegen,“ ging es ihm durch den Kopf. Denn immerhin waren es ja genau jene Touristen, mit deren Hilfe er seine Zukunft und die Zukunft seiner Heimatstadt in ganz neue Bahnen lenken wollte. Und wenn er seinen Plan erst einmal umgesetzt hätte, dann würden diese Italiener und ebenso die Spanier, die Holländer und die Deutschen seinem Land und seinen Landsleuten schon den Respekt zollen, der ihnen zustand.

Aber um das zu erreichen, er seufzte erneut, brauchte er nun mal diesen Mailänder Signore, der jetzt im anthrazitgrauen Zweireiher quer über den Platz und direkt auf das kleine Café zusteuerte.

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„Sicher Armani,“ dachte Aleksandar und lächelte. Von Mode zumindest, verstünden sie etwas, die Italiener, das musste er ihnen lassen. Und von Geschäften. Und deswegen war er ja hier. Er holte tief Luft, richtete sich kerzengerade auf und erhob sich zur Hälfte von seinem Sitz, um seinen Gast zu begrüßen.

„Signore D’Alama, schön sie zu sehen,“ und mit einem Blick auf seine Armbanduhr scherzte er: „Da soll noch mal jemand sagen, Italiener seien unpünktlich.“

„Buon Giorno Aleksandar, danke.“ Der so Begrüßte nahm auf dem Stuhl Platz, den Aleksandar ihm mit einer einladenden Handbewegung angeboten hatte. „Tja, all diese Vorurteile in der Welt. Wissen Sie, was eine beliebte Ausrede in Italien ist, wen jemand zu spät kommt? ‚Scusa, mir hat ein Rumäne die Armbanduhr geklaut.’“

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