![]() BARO DROMDer lange WegFolge #003 Was bisher geschahAdam Wischnewski, seit vielen Jahren als Tourmanager und Fahrer mit verschiedenen Gypsy-Musikern auf Konzertreisen in ganze Europa unterwegs, trifft in einer Hotellobby seine ehemalige Partnerin und Reisegefährtin Mirijam wieder, die er seit 15 Jahren nicht gesehen hat. Bei Melange und dezentem Kaffeehausjazz erzählt er ihr, wie er dazu gekommen ist, sich auf Roma-Musik und Tourneen in Südosteuropa, vor allem auf dem Balkan zu spezialisieren. Zur gleichen Zeit beendet der junge zweite Bürgermeister der rumänischen Kleinstadt Dorohoi ein wichtiges Treffen in Bukarest, bei dem es um wichtige Weichenstellungen für die Zukunft seiner Gemeinde ging. Er ist mit dem Verlauf und den Ergebnissen der Besprechung sehr zufrieden und verlässt das moderne Bürogebäude in der rumänischen Hauptstadt in einem Hochgefühl der Zuversicht. In Wien gehen Mirijam und Adam inzwischen wieder ihren unterschiedlichen Geschäften nach. Adam trifft sich mit Marko, seinem Auftraggeber, der ihm die Details für die anstehende Konzertreise übergibt und ihm dabei unterbreitet, dass Adam in Bukarest eine junge Sängerin abholen solle, die zwar keiner der anderen Musiker kennt, die aber so außergewöhnlich sein soll, dass sich das Risiko einer Tournee mit einer völlig neuen Sängerin lohne. Adam ist wenig begeistert, lässt sich aber schließlich von Marko überzeugen. Mirijam ihrerseits trifft sich in einem Kaffeehaus ebenfalls mit ihrem Auftraggeber Nach einem kurzen Lagebericht eröffnet Ihr Sergej Ibrahimowitsch Balasaria, dass sie – wie schon häufiger -getarnt als wohlhabende Kunstagentin nach Rumänien reisen soll, um herauszufinden, warum der russische Geheimdienst seine Einheiten in der Ukraine an der Grenze zu Rumänien verstärkt und was es mit einem mysteriösen Todesfall bei den Russen auf sich hat.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Dracula„Was also tun wir?“ Mirijam nippte an ihrem Einspänner. Balasaria öffnete die großen, wulstigen Hände, die bis jetzt gefaltet auf der Tischplatte lagen zu einer Was-für-eine-Frage-Geste und entgegnete trocken: „Rausfinden, was da los ist.“ Mirijam rührte in ihrer Tasse, als suche sie etwas darin. „Nun, der Kaffeesatz ist heute ein wenig trübe,“ Sie blickte über das Gefäß und ließ ihre Augen die Frage noch unterstreichen: „Geht’s ein wenig präziser?“ Balasaria hob die Schultern. „Sie müssen da hin und sich umhören. Wir müssen sehr aufpassen und dürfen nicht auffallen, sonst zeigen sofort alle mit dem Finger auf uns. Darum sind sie perfekt dafür. Auf dem Balkan kennt Sie so gut wie niemand. Sie sind die reiche Kunstagentin und suchen Talente für ihre Galerie in Moskau. Wie immer. Sie fangen einfach in den Bars in Bukarest an und,“ „lassen Sie’s gut sein Sergej Ibrahimowitsch, ich weiß schon, wie ich das mache.“ Mirijams Miene hatte sich wieder aufgehellt. „Aber wonach suchen wir?“ „Meine liebe Mirijam,“ und jetzt grinste auch Balasaria, der sonst zumeist seinen Schmerz über seine verlorene russische Heimat wie ein Kunstwerk zelebrierte, einmal breit über das ganze, faltige Gesicht, „wenn ich das wüsste, würde ich Sie dann ins Land von Dracula schicken?“ AlisaAlisa war sauer. Manchmal verfluchte sie es, in Bukarest zu leben. Sie kam sich vor, wie auf einer einsamen Insel. Dabei waren es die anderen, die auf Inseln lebten. Auf Inseln in vergangenen Jahrhunderten, fernab von zivilisatorischem Fortschritt. Wann würde sich das endlich ändern? Seit zwei Tagen versuchte sie, jemanden daheim anzurufen, aber weder ihr Freund, noch ihre kleine Schwester waren auf ihren Handys zu erreichen. Wäre es so abwegig, endlich einmal einen Mobilfunkmast so aufzustellen, dass er auch ihre Siedlung erreichen würde, fragte sie sich verärgert. Das hatte doch Methode. Sie kannte niemanden in ihrer Verwandtschaft, der kein Handy besaß, ihre Mutter ausgenommen, die so ein Gerät prinzipiell für Teufelszeug hielt, aber sonst? Alle. Pure Diskriminierung also, dass die Siedlung vom Netz abgeschnitten war. Und abgesehen davon. War es denn so schwer, einmal alle zwei oder drei Tage in den Ort zu gehen und dort, wo es ordentlichen Mobilfunkempfang gibt, die Mobilbox und SMS zu checken, wenn man eine Schwester beziehungsweise eine Verlobte in der weit entfernten Großstadt hat, die sich vielleicht ja gerne mal mitteilen möchte? Und sie hatte doch so viel mitzuteilen. Vier Wochen Tournee durch halb Europa und so gut bezahlt, dass sie davon ein Semester lang auskommen würde, ohne nebenher jobben zu müssen. So würde sie ihre Dissertation gut in nur einem weiteren Semester und damit ein halbes Jahr früher als gedacht fertig machen können. Es gäbe also wirklich viel zu berichten und zu planen. Alisa ließ laut die Tür zu ihrer kleinen Wohnung zufallen und stapfte das Treppenhaus hinunter. „Sie ist wirklich sehr hübsch!“ Mirijam betrachtete eingehend das Foto. „Und diese junge Schönheit will wirklich mit sechs Männern, die sie alle noch nie zuvor gesehen hat, einen Monat lang quer durch die Weltgeschichte fahren?“ Sie gab Adam das Portrait zurück, der es wieder in den braunen Umschlag, dann in die Klarsichtmappe zu den anderen Unterlagen und schließlich alles zusammen in einen schwarzen Fliegerkoffer schob, der neben ihm auf der Sitzbank stand. Sie hatten sich zum Abendessen im Salmbräu verabredet. Einem für sein selbstgebrautes Bier und seine äußerst deftigen und reichhaltigen Speisen bekanntes Gasthaus am unteren Ende des Belvedere Schlossparks. Eigentlich eine klassische Touristenschwemme, wie Adam fand, aber jetzt, außerhalb der Saison, war es angenehm ruhig und Mirijam hatte darauf bestanden, eines der dort üblichen Riesenschnitzel zu bekommen. Das sei eine Tradition all ihrer Wienbesuche. „Ja,“ er lachte, „ich habe Marko auch für völlig verrückt erklärt, aber in einem hat er Recht. Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was er von diesem Mädchen gehört hat, dann muss sie eine wirklich außergewöhnliche und vor allem durchsetzungsfähige Person sein. Roma in Rumänien , die müssen für gewöhnlich immer noch froh sein, wenn sie irgendwelche Tagelöhnerjobs bekommen. Leider. Kaum sonst irgendwo in Europa sind Roma so arm und werden so diskriminiert, wie in Rumänien. Da hat auch die EU-Mitgliedschaft noch nicht viel verändert. Ein Volksschulabschluss ist schon selten. Ein Studium? Und Frauen bei den Roma: die kochen, heiraten und sorgen für die Söhne. Und wenn eine musikalisch ist und gut singen kann, dann tritt sie bei Hochzeiten auf und singt, solange bis sie selbst heiratet und dann kocht und für die Söhne sorgt. Aber ein Romamädchen, das studiert, ins Ausland geht, einen Doktor macht? Also ich hab von so einer noch nie gehört. Da muss schon was ganz besonderes dahinter stecken.“ „Du meinst Einsteins IQ plus Jacky Chans Nahkampfkönnen im Körper einer, hm, Mist, es gibt keine Roma Supermodels, oder?“ Adam dachte kurz nach. „Stimmt, jedenfalls keine von denen man wüsste. Da kann man mal sehen. Aber ja, entweder so was, wie Du grad beschrieben hast, oder aber sie gehört zu einem der ganz großen Clans.“ Mirijam kniff die Augen zusammen. „Große Clans?“ „Ja,“ er kaute ein Stück Schnitzel fertig, „es gibt nicht nur ganz arme Roma. Es gibt auch so richtig, mächtig reiche.“ Mirijam staunte. „Davon hab ich noch nie gehört.“ „Hört man auch nichts von. Aber ich hab schon deren Häuser gesehen. Das sind Paläste. Mischungen aus asiatischen Pagoden und romanischen Kastellen. Silberne und goldene Dächer, wie Disneyworld. Und riesig.“ „Und wie kommen die zu solchen Reichtümern?“ Mirijam war neugierig geworden. „So genau weiß das wahrscheinlich niemand. Jedenfalls spricht niemand darüber. Es sind ein paar wenige, große Familien und ich nehme mal an, die haben ihre Finger seit Generationen überall drin.“ „Kennst Du so welche persönlich?“ „Nein, nein, ich bin nur mal an so einer Siedlung vorbeigefahren und die Musiker, die mit mir unterwegs waren, haben mir das erklärt. Warum?“ Er schaute amüsiert. „Willst Du Dir einen Zigeunerbaron angeln?“ „Danke nein. Baron hatte ich schon.“ Sie grinste ihn an. „Aber wäre trotzdem interessant so Leute mal zu treffen.“ „Verstehe,“ er erwiderte ihr Grinsen, „immer noch der Drang nach den oberen Zehntausenden!“ „Ja, vielleicht.“ Sie aßen eine Weile schweigend weiter. Busstop„Hast Du noch einen Platz frei, Adam? Ich würde gerne mit Euch mitfahren.“ Adam verschluckte sich fast und schaute sie entgeistert an. In ihrem Blick war keine Ironie, sie blickte ihn sehr sachlich, mit einem ganz leichten, aber ernsthaften Lächeln an. „Das ist aber ziemlich weit weg von den oberen Zehntausenden.“ Versuchte er auszuweichen, aber sie ging nicht darauf ein. „Ich muss für Verhandlungen nach Bukarest, aber ich bin dabei flexibel in der Terminwahl. Drum hab ich mir gedacht, ich lass mal die Businessclass ungenutzt und Du zeigst mir, was jenseits der Zehntausenden los ist.“ Sie sah ihm glasklar und mit der Unschuld einer Zehnjährigen in die Augen. Adam war verwirrt. „Verhandlungen in Bukarest? Davon hast Du bis jetzt gar nichts erwähnt.“ „Du warst ja nicht der Einzige, der heute Geschäftstreffen hatte, mein Lieber. Auch wenn es Dein männliches Ego vielleicht nicht gerne hört, aber ich bin ursprünglich nicht Deinetwegen nach Wien gekommen.“ „Haben die Herrschaften noch einen Wunsch?“ Ein Kellner war zu ihnen an den Tisch getreten. „Oh ja, bitte,“ Mirijam antwortete, bevor Adam noch überlegen konnte. „Zweimal Palatschinken mit Vanillesauce und für mich noch einen großen Braunen. Adam, Du auch Kaffee?“ „Eine Melange bitte.“ Ohne weiteren Kommentar zog der Ober wieder in Richtung Küche weiter. „Und?“ Mirijam legte den Kopf schief, „war ich authentisch?“ „Absolut überzeugend.“ Er musste lachen. „Grande Dame, neunter Bezirk.“ Sie runzelte die Stirn. „Neunter Bezirk? Ist das gut?“ „Diplomatenviertel.“ „Ah, ok. Passt. Also? Nimmst Du eine Grande Diplomatin mit, oder muss ich mir auf einer Tankstelle einen Trucker anlachen, der mir den wilden Osten zeigt?“ Nun sah Adam sie mit größtmöglicher Ernsthaftigkeit an. „Wir haben aber keinen Platz für Sondergepäck und Schrankkoffer, My Lady.“ „Kein Problem,“ sie hob ihre Handtasche etwas über den Tisch. „Passt das hier noch rein? Was ich sonst brauche, kauf ich unterwegs.“ Er ließ sich rückwärts gegen die Sitzlehne fallen und blickte theatralisch zur Decke. „Mama Mia, das kann ja was werden.“ Mirijam antwortete nichts, sondern tauchte zufrieden ein Stück der gerade servierten Palatschinke in die Vanillesauce. PaprikaWenn man Wien in östliche Richtung verlässt und den dichten Verkehr auf den, die Stadt umrundenden Autobahnringen überwunden hat, dauert es kaum 40 Minuten bis man Ungarn erreicht. Und obwohl es mittlerweile zwischen Österreich und seinen Nachbarländern keinen Stacheldraht, auch keinen Schlagbaum und nicht einmal mehr Zollbeamte gibt, ist der Grenzübertritt sofort am Unterschied der Landschaft zu bemerken. Die Felder und Äcker auf der ungarischen Seite wirken etwas weniger exakt begradigt, die Buschreihen dazwischen etwas willkürlicher und versprengter. Das Gras scheint etwas länger wachsen zu dürfen und ist dafür ein klein bisschen weniger grün. Die Funktion des Postens, der den Verkehr am ungehinderten Passieren der Grenze hindert, hat seit dem Ende der Passkontrollen ein mächtiger Rasthauskomplex mit dem einfallsreichen Namen „Paprika“ übernommen, der vom Wiener Schnitzel bis zum obligaten Gulasch alles bietet, was die kaiserlich-königliche Küche jemals an kulinarischen Genüssen hervorgebracht hat. Jeweils in kaum zu bewältigenden Mengen und in erstaunlich guter Qualität. Für die Gänseleberspezialitäten des „Paprika“ besuchen häufig sogar ganze Großfamilien aus Bratislava die weithin bekannte Institution. Denn auch die slowakische Hauptstadt ist nur rund eine halbe Stunde von dieser Anlage entfernt, an der kaum eine Reisender vorbeizukommen scheint, ohne nicht wenigstens schnell eine ungarische Salami-to-Go für unterwegs mitgenommen zu haben. Die so Gestärkten führt die gut ausgebaute Autobahn dann beinahe schnurgerade und immer parallel zur Donau ins rund 250 Kilometer entfernte Budapest. Die Hauptstadt der Magyaren ist ihrer historischen Schwesterstadt Wien in Vielem ausgesprochen ähnlich und in mindestens genauso Vielem doch sehr verschieden. So führt die Donau hier mitten durch die Stadt und ist ein zentraler Punkt im pulsierenden Leben der Metropole, während Wien sich den Fluss immer etwas auf Distanz gehalten hat und nur einen schmalen, gezähmten Seitenarm, den sogenannten Donaukanal, in unmittelbare Nähe seine herausgeputzten Bürgerhäuser lässt. Von herausgeputzt kann in Budapest hingegen nur an wenigen Plätzen ernsthaft die Rede sein. Ihre Verwaltung und ihre Bewohner scheinen ein leicht schmuddeliges, heruntergekommenes Underdog-Image geradezu bewusst zu pflegen. Möglicherweise aus dem Bestreben heraus, sich, auch fast hundert Jahre nach Ende der Habsburger Zwangsehe, irgendwie von der ungeliebten Zwillingsstadt im Westen abheben zu wollen. Und tatsächlich wirkt Budapest zwar nicht unbedingt liebenswerter, dafür aber ein gutes Stück aufregender als Wien. „Wien und Budapest sind wie zwei Schwestern, von denen die eine Ballkönigin und die andere Hafenbraut geworden ist.“ Adam stellte sein Weinglas ab und schaute den Fluss entlang. „Den Satz hast Du aber aus einem Reisebericht von Mark Twain, oder?“ Mirijam folgte seinem Blick übers Wasser und zum gegenüberliegenden Ufer. Dort, im Pester Teil der Stadt lagen einige der wenigen, dafür aber umso imposanteren, neuen Bauten, mit denen Budapest seine Fassade schmückte. Das große Konzerthaus war eines davon. Es lag wie ein riesiger Marmorquader am Ufer und die dem Fluss zugewandte, vollkommen verglaste Fassade spiegelte die Nachmittagssonne so intensiv, dass sie die Augen etwas zusammenkneifen mussten, wenn sie direkt hinüber sahen. „Hältst Du mich für so unpoetisch?“ fragte er mit gespielt verletzter Eitelkeit. Sie lachte, „Na ja, der große Dichter in Dir wäre mir jedenfalls bis jetzt eher entgangen.“ „Wart’ nur ab, bis wir weiter nach Osten vordringen. Der Balkan kann zuweilen ungeahnte Talente zu Tage bringen.“ Sie waren kur vom Mittag in Budapest angekommen, hatten sich durch die jederzeit vollkommen verstopften Einfallsstraßen zur Stadtmitte hindurchgestaut und saßen nun auf dem Oberdeck eines zum Restaurant umgestalteten, ehemaligen russischen Kriegsschiffs bei frittierten Zwiebelringen und gebackenen Champignons. Sie genossen die angenehme Wärme der noch recht kräftigen Herbstsonne. Obwohl Adam schon häufig hier gewesen war, hatte er das A38 , so der Name des Restaurant-und Club-Schiffes, nur selten bei Sonnenlicht gesehen. Zumeist war es dunkel, wenn er mit verschiedenen Bands und Musikern lange Konzertnächte im Laderaum verbracht hatte, der zu einer erstklassigen Konzerthalle umgebaut war. Er mochte das Flair dieser ungewöhnlichen Location, die zudem hervorragend gemanaget und zumeist auch von einem sympathischen und begeisterungsfähigen Publikum sehr gut besucht war. Veranstaltungen auf dem A38 hatte er immer sehr geschätzt, auch weil der Teil des Schiffes, der als Backstage und Künstlergarderoben diente, kaum verändert worden war, seit es Anfang der Siebziger Jahre außer Dienst gestellt worden war. So atmeten diese Räume immer noch ursprüngliche Seemannsatmosphäre, mit freiliegenden Kupferrohren, ölig, weißgetünchten Metallwänden und rund ausgesägten Türrahmen, bei denen man sich jedes Mal bücken musste, wenn man hindurch ging. „Das Wasser geht jetzt langsam zurück.“ Adam zeigte auf Markierungen an der Mauer, die das Flussufer steil begrenzten. „Aber ich hab’ es in Budapest trotzdem selten so hoch erlebt. Ich schätze es hat bis vor kurzem sogar die kleine Nebenfahrbahn dort überflutet. Siehst Du den Schlamm auf dem Asphalt? So sieht das überall aus, wo das Wasser mal drüber ist. Eigentlich sehr ungewöhnlich, Hochwasser im Herbst. Die typische Saison ist das Frühjahr, wenn Schneeschmelze und Regen zusammenkommen. Aber inzwischen muss man wohl immer damit rechnen. Der heiße Sommer dieses Jahr hat die Böden ausgetrocknet und die Gletscher in den Alpen sind noch mehr zusammengeschmolzen, als sonst schon. Und dann hat es jetzt fast zwei Wochen am Stück geregnet. Der trockene Boden konnte das Wasser gar nicht aufnehmen, also ist es gleich in die Flüsse gelaufen. Der Höhepunkt war hier wahrscheinlich vor zwei oder drei Tagen. In Wien war es Ende letzter Woche.“ „Ist denn das Wetter so verschieden zwischen Budapest und Wien?“ „Nein, das nicht. Aber Hochwasser kommt immer wie eine Welle den Fluss herunter. Du kannst das schönste Wetter haben aber irgendwo 200 oder 500 Kilometer flussaufwärts regnet es zwei Tage lang. Und drei Tage später kommt das Hochwasser dann zu Dir. Ohne dass es bei Dir einen Tropfen Niederschlag gegeben hat. Der Fluss fließt einfach. Und von Wien bis hierher braucht das Wasser in etwas 48 Stunden.“ „Du bist ja ein richtiger Flussexperte geworden,“ kommentierte sie neckisch, aber Adam überhörte großzügig ihre Ironie. „Ich bin ein wirklicher Donau-Fan. Der Fluss fasziniert mich, seit ich hier lebe. Du wirst staunen, wenn wir an der rumänisch-bulgarischen Grenze wieder auf ihn stoßen, was dann aus diesem braven Gewässer geworden ist.“ Mirijam betrachtete das Leuchten in seinen Augen und lächelte. Deshalb kutschierst Du also seit Jahren Musiker über den Balkan, dachte sie bei sich, Du hast Dich in diesen Fluss verschossen. „Ich wollte immer gerne mal mit so einem Ding mitfahren,“ sinnierte er weiter, wie zum Beweis ihrer Gedanken, und deutete auf ein langes Frachtschiff, dass in der Mitte des Flusses gerade zügig an ihnen vorüber glitt. „In etwas drei oder vier Tagen sind die am Schwarzen Meer,“ erklärte er. „Das ist ja ganz schön fix.“ Sie blickte dem Schiff hinterher. „Ja, flussabwärts machen sie ein ordentliches Tempo. Flussaufwärts wird’s dafür mühsam. Da braucht so ein Kahn von hier nach Wien eine Woche.“ Er griff seinen kurz unterbrochenen Gedanke wieder auf. „Von Wien bis ins Donaudelta eine Woche mit so einem Schiff mitfahren, ich glaube, das wäre für mich der Inbegriff von Erholung.“ Er seufzte ein wenig. „Hast Du nicht eine etwas zu romantische Vorstellung vom Seemannsleben?“ lachte sie. „Nein, gar nicht. Ich will ja nicht anheuern! Die nehmen auch Passagiere mit. Da kann man einfach an der Reeling stehen und dem Ufer beim Vorüberziehen zusehen. Deftige Mahlzeiten mit der Besatzung und nachts in der Koje dem gleichmäßigen Stampfen der Maschinen lauschen.“ Mirijam zog die Nase kraus, dann deutete sie auf eines der modernen, Donaukreuzfahrtschiffe, das ein Stück flussaufwärts an der Kaimauer vertaut lag. Ein lang gezogenes, schwimmendes Hotel in strahlendem Weiß, dessen oberes von zwei Stockwerken nur aus Glas zu bestehen schien und das einladend in der Sonne leuchtete. „Wie wär’s denn damit?“ Jetzt rümpfte Adam die Nase und seufzte. „Du bist und bleibst ein Snob.“ Sie strahlte ihn an „Ja, mit Begeisterung!“ Sie prostete ihm mit ihrem Weißweinglas zu. „Wie sieht denn der weitere Plan heute aus,“ und ergänzte „Käpt’n?“ KontrabassAdam blickte auf seine Armbanduhr. „Wir treffen uns gegen zwei Uhr mit Joshi im Achten Bezirk. Joshi ist ein Bassist, der früher öfter mit auf Tour war, jetzt aber eine Festanstellung beim Budapester Philharmonischen Rundfunkorchester hat.“ Mirijam spitzte anerkennend die Lippen. „Ja, ein wirklich guter Musiker. Guter Junge.“ „Und warum treffen wir ihn, wenn er gar nicht mitfährt?“ „Sein Kontrabass fährt mit.“ Er lachte und zog die Augenbrauen hoch, um Wichtigkeit anzudeuten. Mirijam antwortete erwartungsgemäß mit fragender Mimik. „Andreasz, das ist der Bassist, der tatsächlich mit uns mitkommen wird, hat sich für die Tour den Bass von Joshi ausgeliehen, weil das ein elektronischer Kontrabass ist, der sehr praktisch und Platz sparend für unterwegs ist, der aber auch wirklich exzellent klingt. Ja, ja, ich weiß schon,“ fuhr er gleich fort, bevor Mirijam ihre Frage aussprechen konnte. „warum Andreasz keinen eigenen Reisebass hat und warum er sich den Bass von Joshi nicht selbst abholt, wenn er ihn sich schon ausleiht? Richtig?“ Mirijam schob bestätigend die Unterlippe nach vorne und wartete auf die Antwort. „Man darf das nicht mit unserem vermeintlich logischen und auf Effizienz ausgerichteten Denken verstehen wollen. Es ist nicht so, dass Andreasz zu einfach bequem und zu faul wäre und er hat tatsächlich auch selbst einen reisetauglichen Bass. Joshis Bass klinge jedoch viel besser, sagt er.. Hinter diesen Dingen stecken ganz andere Mechanismen. Da geht es um Hierarchien, um Gruppendynamik, zum Teil um Familienbeziehungen, gegenseitige Schuldigkeiten und sehr häufig vor allem um Respekt. Das ist ein ganz zentrales Thema. Die Sachen haben bei den Roma eine ganz andere, tiefere Bedeutung, als wir es annehmen. Vielleicht hat sich Joshis Großvater vor 40 Jahren eine Geige von Andreasz Großvater geliehen und die Enkel gleichen diese „Erbschuld“ jetzt aus. Vielleicht will aber auch Joshi für zukünftige Gefälligkeiten vorbauen und hat den Bass von sich aus angeboten. Ich weiß es nicht und wahrscheinlich ist es in Wahrheit noch komplizierter. Und dass ich den Bass für Andreasz bei Joshi abhole, da geht’s um Macht und eben Respekt. Andreasz stellt bei seinen Verhandlungen mit Marko das in den Raum, dass der Bass abgeholt werden müssen, weil er selbst die Tage vor der Abfahrt auf dem Land bei seiner Großmutter in Szekesfehevar verbringen möchte und er den Bass nicht dorthin mitschleppen kann oder mag. Und Marko gewährt ihm diesen Service als Zeichen des Respekts. Damit ist eine gute Basis für die Zusammenarbeit gelegt. Man muss bei diesen Spielchen aber auch höllisch aufpassen, nicht zuviel zu geben, sonst verlierst Du selbst wiederum ihren Respekt.“ „Klingt kompliziert.“ Mirijam verzog die Mundwinkel. „Ist es auch,“ er zuckte mit den Schultern, „wie immer, wenn unterschiedliche Kulturkreise zusammenkommen. Leben und lernen.“ „Das bedeutet, unser nächstes Ziel ist dann folglich Szekesfehevar?“ „Korrekt, Sherlock.“ Er lachte. „Und sogar richtig ausgesprochen, Respekt“ „Tja,“ sie hob eine Augenbraue, „leben und lernen!“ JosephstadtDie Józsefváros , zu Deutsch Josephstadt, ist der achte Bezirk Budapests. Sie liegt am Ostufer der Donau, ist einer der ältesten Stadtteile und bis ins erste Viertel des 20. Jahrhunderts hinein zählte sie immer zu den ersten Adressen der alten Metropole. Hier hatten sich früh die ersten Manufakturen angesiedelt, Patrizier und wohlhabend gewordene Bürger ließen sich repräsentative Stadthäuser entlang raumgreifend angelegter Straßenzüge errichten. „Die Sozialisten haben das Viertel dann systematisch verkommen lassen.“ Erklärte Adam, während Mirijam fasziniert beobachtete, wie sich das Stadtbild innerhalb weniger Autominuten und im Abstand von nur ein paar Querstraßen völlig wandelte. Waren sie gerade noch in einer modern eingerichteten Bar am Flussufer gesessen und anschließend einige breite Chausseen entlang gefahren, mit der typischen Charakteristik einer mitteleuropäisch Stadt, inklusive der großen Schaufenster von Armani, Zara oder H&M, vorbei an Kinos, Museen, Hotels und Mc Donalds Filialen, so schienen sie nun in einen gänzlich anderen Mirkokosmos vorgedrungen zu sein. „Ich war ja geschäftlich schon einige Male in Budapest, aber ich glaube, in diesen Stadtteil hat es mich noch nie verschlagen.“ Stellte Mirijam verwundert fest. „Das kann ich mir vorstellen,“ Adam lachte, „hier ist jetzt nix mehr mit Oberen Zehntausenden. Heute ist der achte Bezirk das Armenhaus der Stadt,“ der Bus holperte laut durch ein besonders tiefes Schlagloch, „was man schon an der Straße unschwer erkennen kann,“ fuhr Adam mit schmerzverzerrtem Gesicht fort. „Was ist denn mit den Häusern passiert?“ Mirijam deutete auf einige vier-bis fünfstöckige Gebäude, die einstmals mit prachtvollen Jugendstilfassaden geglänzt haben dürften. „Einschusslöcher, Kriegsschäden.“ „Was denn für ein Krieg?“ Mirijam sah skeptisch zu ihm hinüber. „Zweiter Weltkrieg.“ „Du machst Witze? Selbst in St. Petersburg gibt es keine Häuser mehr, mit Schäden aus dem zweiten Weltkrieg!“ Adam hob die Hände, „Wie gesagt, die Sozialisten haben das ehemalige Viertel bewusst den Bach runter gehen lassen, 40 Jahre nichts daran getan, und nachdem sich während dieser Zeit nach und nach die ärmeren und ärmsten Teile der Bevölkerung – vorwiegend sind das die Roma – hier angesiedelt haben, interessierte sich auch nach der Wende niemand mehr für das Ganze. Allerdings gibt es seit Neuestem Pläne, das Alles komplett abzureißen und nagelneue und teure Einkaufsstraßen mit Cityappartments und allem drum und dran hochzuziehen. Damit ist den Roma dann natürlich mächtig geholfen.“ Er unterstrich seinen Zynismus mit einem grimmigen Blick und drückte zweimal mit Nachdruck auf die Hupe, um ein paar versprengte Hühner von der Fahrbahn zu vertreiben. „Matyas Ter,“ er deutete mit dem Kopf in Richtung eines Platzes, der sich am Ende der Straße rechts vor ihnen auftat. „Das Herzstück der Romaviertels. Gleich dahinter liegt der Markt.“ Er sah auf die Uhr. „Wir sind noch früh dran. Lust auf einen kleinen Einkaufsbummel?“ Mirijam war neugierig geworden und nickte. Adam bugsierte den neun Meter langen Kleinbus in eine Lücke zwischen zwei Baustellenzeichen, zu zwei Dritteln auf dem Gehsteig stehend. Sie stiegen aus, er verriegelte jede der Fahrzeugtüren einzeln, dann spazierten sie in Richtung des Markttreibens, das sich mit zunehmend lauter werdendem Stimmengewirr ankündigte.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - ![]() ![]() ![]() ![]() Noch bevor Adrian Topolescu, von den meisten Ady genannt, das Licht in dem dunklen, fensterlosen Eingangskorridor einschalten konnte, stolperte er über einen harten Gegenstand. „Au, fuck!“ Adrian fluchte gerne auf Englisch. Er hatte es sich angewöhnt, seit er häufiger Zeit im Internet verbrachte und mit Gleichgesinnten in der ganzen Welt Nachrichten und Pläne auszutauschen. Natürlich auf Englisch. Und da es meist schlechte Nachrichten waren, die es zu verbreiten oder zu kommentieren galt, gab es dabei reichlich Anlässe zum Fluchen. Der schlanke, hochaufgewachsene Rom, der mit seinen streng getrimmten schwarzen Locken und der dunkel gerandeten Brille jederzeit auch als indischer Computerprogrammierer durchgehen könnte, rieb sich den Fuß und humpelte zum Lichtschalter. Die milchig getrübte Kellerlampe, die in der Mitte des schmalen Ganges an der Decke angebracht war, erhellte den Eingangsbereich nur unwesentlich. Genug jedoch, um Arian erkennen zu lassen, dass er über das alte, massiv hölzerne Garderobenkästchen gestolpert war, das mit der Frontseite nach unten auf den Fußboden gestürzt war. Der junge Mann kniff die Augen zusammen. Ein indifferentes, jedenfalls aber wenig angenehmes Gefühl machte sich in seinem Magen breit. Folge #004 ab 20.12.2009 auf www.facebook.com/daniel.carinsson oder http://carinsson.blogspot.comDaniel Carinsson -G’Kay
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