![]() BARO DROMDer lange WegFolge #001
Romanes ist die Sprache der Roma, der Gypsies. Es wird vermutet, dass es ursprünglich ein indischer Sanskrit Dialekt war, den das Volk der Roma vor rund 800 Jahren mit nach Europa brachte und der sich über die vielen Stationen dieser Volkswanderung mit verschiedenen Einflüssen mischte und so zu einer eigenen Sprache wurde. ‚Baro Drom’ bedeutet auf Romanes soviel wie ‚Der lange Weg’. Zwei Tagesschifffahrten stromaufwärts regnete es noch immer.Es hatte seit Tagen nicht aufgehört und der vom Sommer ausgetrocknete Boden konnte das Wasser nur langsam und spärlich aufnehmen. Hochwasser kommt immer in Wellen den Fluss herunter.Die erste hatte bereits Wien passiert. Jetzt erreichte sie Bratislava.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Adam„Eigentlich hat alles mit einem Anruf angefangen. Ich wollte gerade in eine Raststätte gehen, so ein Autogrill, irgendwo zwischen Udine und der Grenze zu Österreich. Im Dreiländereck. Italien hinter mir, Österreich vor mir und rechts wäre es nach Slowenien gegangen.Richtung Balkan. Aber ich wollte nach Österreich. Damals. Mein Nachbar war dran: ‚Wo bist Du gerade? Da sind irgendwelche Männer an Deine Tür. So wie ich sehe, sind schon drin. Die sind irgendwelche Offizielle glaube ich. Aber ich weiß nicht. Die sprechen nicht mit mir.’ Er klang etwas irritiert, aber nicht übermäßig aufgeregt, während er mir am Telefon schilderte, dass meine Wohnung gerade von fremden Menschen geöffnet und betreten wurde. Ich glaube ihn beschäftigte vor allem die Frage, wer die sein könnten. Und dass die Herrschaften ihm darüber keine Auskunft hatten geben wollen, kränkte ihn zweifellos. Ich hätte ihm alle Antworten geben können, aber ich habe nur ein ‚Aha’ gemurmelt. Mein Nachbar – also mein Ex-Nachbar um genau zu sein – war ein absolutes Unikat. Er und seine Frau waren so wunderbar normal und gleichzeitig völlig verrückt. Sie kam aus Kroatien, er aus Serbien, sie lebten beide seit zig Jahren in Wien. Er hatte ein Geschäft, in dem er Küchen verkaufte. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht genau wo, jedenfalls an irgendeiner Hauptstrasse in einem der weniger großartigen Stadtteile. Ich hab mich immer gewundert, wie man in so einer Lage überhaupt Küchen verkaufen konnte. Konnte man auch gar nicht. Vielleicht alle 3 Monate mal ein Regal. Das Geschäft war nämlich gar nicht das Geschäft. Das eigentliche hat mein Nachbar gemacht, indem er Mahagonitreppen für Penthäuser entwarf und baute. ‚Serbischen Mahagoni’, hat er das immer genannt, ein Edelholz vom Balkan. Den serbischen Namen kann sich aber kein Mensch merken. Oder er designte Marmorküchen für die Wiener Apartments arabischer Prinzessinnen. Mit ‚serbischem’ Marmor natürlich. Also er war sozusagen einer der heißesten Geheimtipps unter den Wiener ‚Oberen Zehntausenden’, wenn es darum ging, schnell, individuell und, im Vergleich, doch irgendwie scheinbar günstig, Häuser, Dachgeschosse, Wohnanlagen und so weiter zu verschönern und zu veredeln. Mein Nachbar kannte wirklich viele, und auch wirklich viele sonderbare Menschen. Persönlichkeiten. Und das Tollste war, er konnte davon in einer farbenfrohen Lebendigkeit berichten, dass wir häufig saßen und lauschten, wie Kinder in einer Vorstellung von ‚Tausend und einer Nacht’. Mit der Zeit lernten wir anhand des Gesichtsausdrucks seiner Frau den jeweiligen Übertreibungsgrad festzustellen. Was dem Ganzen eine zusätzliche unterhaltsame Dimension verlieh. Fernsehen haben wir damals definitiv nicht gebraucht. Ich hab mich später öfters gefragt, ob vielleicht alles anders gekommen wäre, wenn ich zuhause gewesen wäre. Wenn ich gleich mit dem Gerichtsvollzieher hätte sprechen können, bevor er die Schlösser an meiner Wohnung ausgetauscht und bevor er meine Frau angerufen hätte. Aber eigentlich glaube ich nicht. Es hatte ja auch nichts geändert, dass es mir erstaunlicherweise noch am selben Abend gelungen war, das ausständige Mietgeld von Freunden und Bekannten auszuleihen und schon am nächsten Morgen die Schlüssel wieder zu bekommen. Sie war weg und ich war pleite. Mit beidem hatte der Gerichtsvollzieher im Grunde ebenso wenig zu tun, wie der Anruf meines Nachbarn. Im Nachhinein betrachtet hätte also gleich nach rechts fahren können. Damals.“ Adam hüstelte ein gedämpftes Lachen. Längere Erzählungen waren noch nie seine Stärke gewesen. Er blickte wieder in ihre graublauen, messerscharfen Augen. AleksandarAls Aleksandar den mit schwarzem Marmor verkleideten Gebäudekomplex in Bukarests Bankenviertel verließ, bebte er. Die Empfangsdame hatte für ihn ein Taxi gerufen, aber er konnte jetzt nicht in einem geschlossenen Auto stillsitzen. Er wollte laufen. Er ging mit energischen Schritten die Straße bis zur nächsten Kreuzung, bog dann rechts ab, Richtung Stadtzentrum. Er begann schneller zu gehen, dann zu rennen. Er wollte schreien, jubeln, tanzen. Musik, wo war die Musik? Im Film wäre jetzt ein epochales Titelthema zu hören gewesen. Er hörte es, er sang es. Er kam zur nächsten Kreuzung, blieb kurz stehen, dann ging er wieder gemessenen Schrittes weiter. Kein Zweifel, heute war der wichtigste Tag seines bisherigen Lebens. Heute war wichtig gewesen. Er hatte die Zukunft gesehen. Und die Zukunft war gut gewesen. Perfekt. Aleksandar Ivanesceau ist zweiter Bürgermeister seines Heimatortes Dorohoi. Dorohoi ist zwar nur ein wenig bedeutender Ort unweit der ukrainischen Grenze, mit nicht einmal 5.000 Einwohnern, aber er ist idyllisch gelegen und hat eine bewegte Vergangenheit, die in einigen sehenswerten Gebäuden und vor allem in einem mittelalterlichen Kloster, sichtbar dokumentiert ist. Eine Tatsache, die – davon ist Aleksandar überzeugt – Dorohoi in nicht allzu ferner Zukunft zu einem hochattraktiven Touristenzentrum machen wird. Mit seinen 31 Jahren hat Aleksandar schon vergleichsweise viel erreicht. Er hat ein Volkswirtschaftsstudium an einer der renommiertesten Universitäten des Landes abgeschlossen, führt seit dem Herzinfarkt seines Vaters den elterlichen Gastwirtschaftsbetrieb mit ansehnlichem Erfolg, er ist stellvertretender Vorsitzender der örtlichen konservativ-demokratischen Partei und eben 2. Bürgermeister. Dennoch hatte er bis jetzt immer das Gefühl gehabt, dass ihm etwas vorenthalten worden war. Zu Ceausescus Zeiten hatten es die beiden jüngeren Brüder seiner Mutter als hohe Parteifunktionäre zu direktem Kontakt nach ganz oben gebracht. Mit seiner Intelligenz, seinem Fleiß und diesen Verbindungen, wäre er heute sicherlich nicht nur 2. Bürgermeister einer Provinzgemeinde. So hörte er es oft flüstern, wenn er in sich hineinhorchte. Auch als er am heutigen Morgen mit dem Taxi vom Bahnhof zu seiner Verabredung gefahren war, kam er an einigen dieser beeindruckenden Jahrhundertwende-Villen vorbei, wie sie auch seine Onkel bewohnt hatten. Und wieder hatte er kurz diesen unterschwelligen Zorn gefühlt, diesen Stachel, dass ihm rechtmäßig solch eine Residenz zugestanden hätte. Nicht, dass er die alten Zeiten zurückwünschte. Er verstand sich als überzeugten Demokraten und er hatte bei diversen Gelegenheiten, wie Parteiveranstaltungen, bereits selbst Vorträge gehalten, über die notwendige innere Erneuerung auf dem Weg nach Europa. Die europäische Union, überhaupt sein Lieblingsthema. Viele in seinem Bekanntenkreis waren skeptisch, zum Teil ablehnend, machten sich mitunter sogar große Sorgen über den EU Beitritt. Er nicht. Er war ein Fan. Vielleicht der größte EU Fan in Rumänien überhaupt. Und heute hatte er den ersten großen Schritt gemacht, um die Fangemeinde für die Europäische Union in seiner Heimat gewaltig zu vergrößern. In Wahrheit war er heute in einer Mission für die EU unterwegs. Er hatte noch einmal große Zweifel gehabt, ob er dieser Mission gewachsen sei, als er am Morgen vor dem großen Gebäudekomplex aus dem Taxi gestiegen war. Sicher, mit den Leuten, die jetzt auf ihn warteten, hatte er bereits telefoniert, E-Mails, Schriftsätze und Briefings ausgetauscht, aber nun würde er ihnen gegenüberstehen. Hatte er seine Vision fremden Menschen überzeugend genug vermitteln können? Was, wenn das Ergebnis nicht seinen Erwartungen entsprach? Diese Personen machten Geschäfte in London, Paris, Berlin, Moskau, Washington. Konnte er, der zweite Bürgermeister aus Dorohoi, diese Leute kritisieren, verbessern gar? Die Empfangsdame hatte ihn sehr höflich begrüßt, ihm einen Kaffee angeboten, seinen Mantel fort getragen. Die Herrschaften seien gleich für ihn bereit, hatte sie ihm mitgeteilt. Sie hatte ihn nach der Reise gefragt, ob er sich in Bukarest auskenne und er hatte ein wenig von seinem Studium erzählt. Sie war hübsch, schlicht aber elegant gekleidet und sie hatte eine gewisse Natürlichkeit, die seine Anspannung löste. Schließlich lachten sie über den Verkäufer eines mazedonischen Feinkostladens, den sie zufällig beide kannten und sie erzählte ihm, dass ihr Chef heute wohl etwas aufgeregt sei, wegen des wichtigen Termins mit ihm. Er sei sogar eine Stunde früher als gewöhnlich ins Büro gekommen. „Wegen des wichtigen Termins mit ihm“, der Satz glitt noch Stunden nach der Begegnung durch seine Gedanken, wie einer der großen Schoner, in deren Segel sich die abendliche Sonne in wärmendem Weiß reflektiert. Schon als Kind, im Urlaub mit den Eltern, hatte er diese majestätisch dahin gleitenden Schiffe stundenlang beobachtet. Sein wichtiger Termin war gut gewesen. Perfekt. Er hatte die Zukunft nicht nur gesehen, er hatte sie gestaltet. Es war seine Zukunft. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er das Gefühl eine eigene Zukunft zu haben. Er hatte sie jetzt in der Hand. Er würde sie nicht wieder hergeben. Jetzt, rief er sich selbst ein Taxi. Mirijam„Eine Eigenschaft, mit der ich mich schon öfters selbst überrascht habe, ist ja eigentlich mein Talent Probleme zu lösen. Lösen ist vielleicht das falsche Wort. Was ich meine ist, dass ich aus problematischen Situationen immer wieder sehr schnell einen Weg zum Weitermachen finde. Es scheint fast so, dass diese Fähigkeit zunimmt, je größer die Probleme sind. Komplette Katastrophen sind für mich eigentlich immer wieder sehr gute Startpositionen gewesen. An den Tagen, nach meiner Rückkehr aus Italien, war das ganz und gar nicht so. Es waren die grausten Tage, an die ich mich erinnern kann und außerdem noch so durchdringend regennass, dass ich das Gefühl hatte, die Tropfen würden wie Blei an mir herunter laufen und jeden Gedanken mit sich in die schwarze Kanalisation ziehen.“ Adam blickte aus dem Fenster des Kaffeehauses, gegen das auch jetzt große, wuchtige Regentropfen prasselten. Er verfolgte sie auf ihrem verwirrenden Weg die Scheibe hinunter, dann beobachtete er die Rinnsale, die sich draußen auf dem Gehweg und auf der Straße bildeten, bis sie in einem Gully verschwanden. Es schien, als suche er seine weggeschwemmten Gedanken von damals. Mirijam beobachtete ihn still, ohne ihn zum Weiterreden zu drängen. Ihr Blick folgte dem seinen, auch sie ließ ihn eine Weile ruhen auf den Flüssen und Strömen, die sich en miniature auf dem Glas bildeten. Dann betrachtete sie wieder sein Gesicht. Er hatte sich in über 15 Jahren auf den ersten Blick nicht sehr verändert. Sie versuchte sich Bilder aus ihrer gemeinsamen Zeit vorzustellen, und zu vergleichen. Vielleicht lag es daran, dass er schon mit Ende zwanzig älter gewirkt hatte. Nicht körperlich, aber seine Ausstrahlung hatte immer etwas ruhiges, seriöses, sehr Erwachsenes gehabt. Sie musste schmunzeln. Nur zu gut wusste sie, wie sehr sein von Vernunft geprägtes Erscheinungsbild seinem wirklichen Wesen widersprach. Sie kannte kaum jemanden, der sich seine kindlichen Träume, seine klare Vision von Glück, so unverfälscht erhalten hatte, wie Adam. Und wiederum kaum jemanden, der so darunter litt, dass Vorstellung und Wirklichkeit so gar nicht zusammenpassen wollten. Dass Lebensplan und Lebensweg beinahe diametral auseinander zu laufen schienen. Oder gar parallel, ohne die Chance sich je zu berühren. Er hatte ihr einmal erzählt, dass er zu der Überzeugung gelangt sei, die Zukunft beeinflussen zu können. Sobald er sich von etwas eine konkrete Vorstellung machte, könnte man gewiss sein, dass genau das nicht passieren würde. Er habe sogar schon darüber nachgedacht, ob er diese Gabe nicht zum Wohle der Menschheit einsetzen könnte. Bräuchte er sich doch zum Beispiel nur den dritten Weltkrieg in allen Details genau auszumalen und man könne davon ausgehen, dass es diesen Krieg niemals geben würde. Sie hatte von Anfang an ein Faible für seinen feinen Zynismus gehabt und sich damals köstlich über diese absurde Vorstellung amüsiert. Heute war sie sich nicht mehr sicher, ob er es nicht einfach Wort wörtlich so gemeint hatte. Sie saßen schon eine ganze Weile in dem Kaffeehaus, das, wie viele andere in Wien, den Charme eines Ortes, der erkennbar schon bessere Zeiten gesehen hatte, geradezu provokant ausspielte. Adam erzählte nur sehr sporadisch kurze Episoden, zwischendurch immer wieder in Gedanken versinkend. Aber sie hatte keine Eile. Sie genoss es, die Atmosphäre fast körperlich spürbarer Vergangenheit zu inhalieren und ihren Gesprächspartner zu beobachten. Sie hatten sich sehr lange nicht gesehen und sie suchte mit spielerisch sportlichem Ehrgeiz nach den kleinen und größeren, den deutlichen und den fast unsichtbaren Zeichen der Zeit in seinem Gesicht, seinen Händen. Sie fand und registrierte genau die kleinen Narben, deren Ursprung sie sich vorzustellen versuchte, während sie aus seinen Erzählungen die Quellen der größeren Narben heraushörte. In der Mitte des hohen Raumes, dessen Stuck verziertes Firmament von einem gewaltigen Kristalllüster dominiert wurde, standen und saßen drei Musiker. Ein wenig eingezwängt, zwischen einer Ziersäule aus künstlichem Marmor, einem hoch gewachsenen Fikus und der Rückwand des mittig im Raum platzierten Kuchenbuffets, spielten ein Pianist, ein Geiger und ein Kontrabassist einen breiten Mix aus den unvermeidlichen Wienerwalzerklassikern von Vater und Sohn Strauss, aus mal mehr, mal weniger passenden internationalen Jazzstandards und volksmusikalischen Auszügen aus der reichlich gefüllten Schatulle der böhmisch-mährischen, K&K österreichischen und ungarischen Tradition. All das überzuckerten sie mit einer dicken Glasur aus musikalischem „Wiener Schmäh“, dieser besonderen Art hörbarer Gelassenheit, bei der man immer ein wenig das Gefühl hat, es kämen alle Einsätze etwas zu spät, dann aber doch gerade noch rechtzeitig – was in Wien für Kellner wie für Musiker gleichermaßen zutrifft. Ausgeglichen wurde diese kunstvolle Schleißigkeit durch die virtuose Verspieltheit, die sich nur Zigeunermusiker erlauben können, ohne aufdringlich zu wirken, da sie es verstehen, ihr Können mit einem legeren Selbstverständnis zu präsentieren, dass es gar nicht weiter auffällt. Auf diese Weise wurde aus der bunt zusammengemischten Melange unterschiedlichster Musik-und Stilrichtungen ein gleichmäßiger, durchaus angenehmer Klangteppich, in dem sich Donauwalzer, „Dritter Mann“ und Gershwin so nonchalant miteinander verwoben, als seien sie ein und demselben Komponisten irgendwo in einer Stube in der Herrengasse aus der Feder geflossen. Das ganze tonale Webstück passte zu diesem Kaffeehaus und zu Wien im Allgemeinen genauso vollkommen, wie der überdimensionierte Lüster an der Decke oder der penetrant unfreundliche Kellner. „Es waren nicht einmal schlechte Gedanken in mir,“ fuhr Adam fort. „Lustig, dass man unter ‚gedankenlos’ eigentlich so etwas wie unachtsam versteht. Ich war damals im wahrsten Sinne gedankenlos. Ich hatte einfach keine mehr. Ich wollte auch nicht denken. Dass ich dann irgendwann in irgendeinem Lokal im 16. Bezirk gelandet bin, war purer Zufall. Viele Musiker wohnen im 16. und ich habe oft welche dorthin gebracht oder von dort abgeholt. Wahrscheinlich auch mal von diesem kleinen Restaurant. Es hieß „Café Derwisch“ -heißt übrigens auch heute noch so. Es gibt dort exzellente türkische Küche – nicht dass ich das damals bemerkt oder dass es mich interessiert hätte – und Live-Musik. Nicht nur türkische, sondern auch mazedonische, serbische, kroatische und alles, was man so landläufig unter ‚Balkan’ versteht. Eben aus den Regionen, durch die man kommt, wenn man von Wien auf dem Landweg in die Türkei fährt. Das Lokal wird von Immigranten der 2. Generation geführt. Alles waschechte Wiener, sobald sie den Mund zum Reden aufmachen.“ Er schmunzelte. „Aber diese Kids sind natürlich jeden Sommer mit ihren Eltern ‚nach Hause’ gefahren. 20 Stunden über den Autoput, Slowenien, Kroatien, Serbien, Mazedonien, alles zu sechst oder siebt in einem uralten Mercedes. Und die, die musikalisch sind – und das sind ziemlich viele – haben unterwegs einfach Eindrücke gesammelt. Einmal alles. Für die kommt ihre Volksmusik aus dem gesamten Balkan. Und der reicht bis nach Istanbul und weiter. Naja, letztlich kommt ja das meiste auch von daher. So wächst dann nach 1000 Jahren Separatismus und Kriegen irgendwie wieder zusammen, was mal zusammen gehört hat. In Wien.“ Er blickte mit einem Kopfschütteln zu dem pseudohistorischen Kristalllüster über ihnen. „Anyway,“ dachte sich Mirijam und musste grinsen, früher hätte er genau jetzt ‚Anyway’ gesagt, ganz business-like und immer dann, wenn sich seine Gedanken verselbstständigt hatten und auf Abwege geraten waren und er, sobald er es bemerkt hatte, rasch wieder den eigentlichen Faden aufgreifen wollte. Aber „Anyway“ kam nicht. Sein Blick verharrte eine Weile auf dem Lüster, und wanderte dann die mit – vielleicht sogar echtem – Stuck verzierte Decke entlang. Mirijam betrachtete seine Augen. Sie hatten sich wirklich sehr lange nicht gesehen. Er war überrascht, über die Vertrautheit. Sie hatte die Jahre überdauert, ohne auch nur ein wenig an Intensität zu verlieren. Als wäre sie direkt aus der Vergangenheit übergesprungen. Es verwirrte ihn. Die Nähe, dieses Gefühl, dass es erst gestern gewesen sei. Mirijam an sich. Er hatte sie nicht erwartet, nicht einmal an sie gedacht. Natürlich nicht. So ist das mit Zufällen, man denkt nicht an sie, man erwartet sie nicht. Er versuchte sich selbst zu überzeugen, dass es normal sei, von Zufällen überrascht zu werden. Es gelang ihm nicht. Der ganze vergangene Abend erschien ihm sonderbar irreal. In seiner Zufälligkeit erschreckend zielstrebig. Er hatte ein kurzes Treffen in dieser Hotellobby gehabt und als er gerade gehen wollte, hatte er sie an der Rezeption stehen sehen. Er wusste dass sie es war, obwohl er sie nur aus dem Augenwinkel und von hinten gesehen hatte. Während er sie noch einen kurzen Moment betrachtet und überlegt hatte, wie er sie ansprechen sollte, schien sie seinen Blick schon gespürt zu haben. Sie hatte sich umgedreht und ihn angelacht. „Adam! Und ich wollte in Wien schon nach Deinem Grab suchen.“ Dann waren sie zusammen im Restaurant des Hotels Essen gegangen, dann in die Hotelbar, dann auf ihr Zimmer. Er hatte ihr nicht die Stadt gezeigt, sie hatte ihn nicht danach gefragt. Sie hatten damals hunderte von Städten zusammen besucht, sie waren hauptberuflich Reisende gewesen. Gemeinsames Sightseeing war indiskutabel. Sie waren immer so gewesen. Mirijam war in seinem Leben die einzige Frau, bei der er nicht denken musste. Kein pro und contra abwägen, keine Gedanken über die Zukunft. Mirijam war für ihn das personifizierte Präsens. Das hier und jetzt. Ohne Rücksicht auf die Vergangenheit, ohne Blick in die Zukunft. Eine gemeinsame Zukunft hatten sie sich nie ausgemalt und auf diese Weise eine gewaltige Menge gemeinsamer Vergangenheit gesammelt. „Anyway, einen der Musiker, die an diesem Abend dort gespielt hatten, den Drummer, kannte ich von irgendwoher. Ich wusste nicht mehr von woher, nicht mal mehr seinen Namen. Ich wusste, dass er zu einer der weit verzweigten Romafamilien gehörte, die über die ganze Stadt verteilt, in unzähligen Bands, Kapellen, Formationen spielten. Ein Onkel war, glaube ich, sogar Leiter der Wiener Sängerknaben. Und ich erinnerte mich, dass er reden konnte wie ein Maschinengewehr, so dass mein erster Impuls war wegzusehen und zu gehen. Endlose Monologe erschienen mir gerade vollkommen unerträglich. Aber irgendwie kam mir in diesem Augenblick ohnehin alles so unerträglich vor, dass ich völlig lethargisch einfach da blieb und eine Unzahl alter und neuer Geschichten über die Untiefen der Wiener Musiker-Szene stumm über mich ergehen ließ. Irgendwann blieb ein Fetzen dessen, was er so herunterrasselte, zwischen meinen Ohren hängen und pendelte sich den Weg in mein Bewusstsein. Beinahe, als hätte er genau gewusst, wohin es wollte. ‚Kannst Du Dir vorstellen, 10 Hochzeiten in Rumänien? Weißt Du wie gut die dort zahlen für die Band? Das ist extrem. Aber hat kein Geld für Anreise der Typ. Keinen Vorschuss. ‚Wie stellst Du Dir vor?’ sag ich zu dem Typ. ‚Nimmst Du einen Bus’ sagt der Typ. ‚Ich hab keinen Bus’sag ich zu ihm. ‚Woher krieg ich einen Bus? Bis Übermorgen!’ ‚Ich hab einen Bus’ hörte ich mich sagen und erschrak im selben Moment. Und dann war ich plötzlich wieder wach. Schlagartig war alles wieder wie immer. Die Katastrophe, der Plan. Mein Bus, weg aus Wien, Geld, Rumänien. Wie kleine Sauerstoffbläschen fühlte ich den warmen euphorischen Strom durch mich hindurch laufen. Keine 30 Stunden später stand ich mit meinem Mercedes Sprinter und sieben Roma-Musikern zum ersten Mal an der ungarisch-rumänischen Grenze.“ Er sah sie an und zog die linke Augenbraue hoch „inzwischen kenn ich dort jeden Kieselstein.“
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Folge #002 ab 06.12.2009 auf www.facebook.com/daniel.carinsson oder http://carinsson.blogspot.comDaniel Carinsson -G’Kay
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